Lord Wasserfallen hat einen Schraubstock in der Wohnung

Der Favorit für das FDP-Präsidium steht vor einer schwierigen Weichenstellung

Im Sommer wird er gerade mal 35 Jahre alt, blickt auf 15 Jahre politische Erfahrung zurück und kann sich entscheiden, ob er Präsident der freisinnigen Partei werden will: Der eine oder andere wird Christian Wasserfallen, Nationalrat, Verwaltungsrat und Maschineningenieur, um seine Probleme beneiden.

Die Entscheidung wird ihm trotzdem nicht leichtfallen. Wird er sich ins Zentrum der Macht begeben und als dauerpräsenter, vergleichsweise schlecht bezahlter Berufspolitiker zwischen Bundesräten, Fraktion, Parteiversammlungen und TV-Studios pendeln? Wird er abwarten und seine Chance zu nutzen versuchen, wenn der FDP-Sitz im Berner Regierungsrat frei wird? Welche Optionen hat einer dereinst, wenn er in den besten Jahren von einem politischen Amt zurücktritt und schon alles erreicht hat? In wenigen Tagen wird Christian Wasserfallen bekanntgeben, ob er als Nachfolger von Philippe Müller kandidiert.

Im Gegensatz zum hemdsärmligen Müller wirkt Wasserfallen wie der Absolvent einer britischen Elite-Universität. Stets korrekt gekleidet und von aufrechtem Gang, verliert er nie die Contenance. Unvorstellbar, dass Lord Wasserfallen in seiner freundlichen Reserviertheit je öffentlich ein Kraftausdruck über die Lippen käme.

Blaues Blut fliesst nicht in seinen Adern. Christian Wasserfallen ist in einem „stinknormalen Sechsfamilienhaus“ in der Berner Elfenau aufgewachsen. Dafür gehört die Politik seit seiner Kindheit zum Alltag. Das erste Pressebild zeigt ihn im Alter von elf Jahren an der Hand seines Vaters im Erlacherhof, dem Sitz der Berner Stadtregierung. Es war der Tag, an dem in Bern das rot-grüne Bündnis die Mehrheit gewonnen hatte und Kurt Wasserfallen in den Gemeinderat gewählt worden war. Der freisinnige Polizeidirektor war zeitlebens der Stachel im Fleisch von Rot-Grün. Seine Politik der „eisernen Faust“ gegen Drogen und den schwarzen Block in der Reitschule trug den Protest bis vor die Haustür der Familie. Es kam zu Schmierereien. Einmal fand vor dem Haus eine Demonstration statt. Christian Wasserfallen erlebte früh, wie sich politischer Gegenwind anfühlt.

Der Widerstand hat die Familie zusammengeschweisst. Als Wirtschaftsgymnasiast im altehrwürdigen Kirchenfeld-Schulhaus stand Christian Wasserfallen mit seinen liberalen Ansichten allein auf weiter Flur. In dieser Zeit habe er das nüchterne Debattieren gelernt, sagt er im Rückblick. Damals habe er es sich zur Gewohnheit gemacht, sich sorgfältig auf die Argumente der Gegner vorzubereiten. Wortgefechte sind für ihn das Salz in der politischen Suppe. Die härteste Gegnerin sei bis heute Simonetta Sommaruga gewesen, als sie sich noch als Ständerätin an Podien mit Gegnern stritt.

Weder Aussenseiter noch Rädelsführer, absolvierte Wasserfallen die Gymnasiumszeit nach eigenen Worten „pflichtbewusst“. Aber sein Herzblut floss für den Sport. Zweimal wöchentlich trainierte er mit den Elite-Junioren seiner Unihockey-Mannschaft des UHC Bern Ost. Spielte er am Wochenende nicht selbst, pilgerte er ins Wankdorf oder den Hockey-Tempel des SC Bern. Die Begeisterung für das Eishockey flackert bis heute in seinen Tweets auf. Mit 19 nahm er an einem Fondueessen der Jungfreisinnigen teil. „Es war anders als ich es mir vorgestellt hatte“, erzählt er. Statt um trockene Politik ging es hauptsächlich um gemeinsame Freizeitaktivitäten. Es war ein lustvoller Einstieg.

Weniger Lust bereitete ihm das Physikstudium. Nach zwei theorielastigen Semestern vor Wandtafeln voller Formeln brach Wasserfallen ab, um sich der Praxis zuzuwenden. An der Fachhochschule Burgdorf studierte er Maschinenbau und beschäftigte sich in seiner Diplomarbeit mit dem „ultraschallgestützten Schleifen unter Verwendung sehr hoher Drehzahlen“. Während Ingenieur Wasserfallen das Verfahren auf einem Blatt Papier skizziert und erklärt, entpuppt sich der vermeintliche Berufspolitiker als leidenschaftlicher Techniker. Mittlerweile arbeitet er, wenn auch nur noch mit einem Teilzeitpensum von 20 Prozent, am Zentrum für angewandte Fertigungstechnik und unterstützt Firmen der Maschinenindustrie in technischen Belangen. Zudem sitzt er in den Verwaltungsräten des Privatradios Bern 1 und der Jura-Windkraftwerke. Als einer der ersten hatte er in seiner Ausbildung die sogenannte „Passerelle“ vom Gymnasium über ein Industriepraktikum an die Fachhochschule genutzt. Heute präsidiert er den Interessenverband der Fachhochschulen und ist stolz darauf, dass er massgeblichen Anteil an deren Gleichstellung mit den Universitäten hat – festgehalten in Artikel 3 des Hochschulförderungsgesetzes.

In seine Studienzeit fiel aber auch das bisher einschneidendste Ereignis in Christian Wasserfallens Leben. Noch als amtierender Gemeinderat – zwischenzeitlich von der linken Mehrheit in die Finanzdirektion zwangsversetzt – verstarb Kurt Wasserfallen 2006 in einer Dezembernacht zuhause in der Elfenau. Sein Krebsleiden war bekannt, der Tod kam trotzdem auch für die Familie überraschend. Christian Wasserfallen war in dieser Nacht aufgestanden, weil er den Vater husten hörte. Er starb vor seinen Augen.

Der kampflustige Vater ist dem nicht weniger konfliktscheuen Sohn bis heute ein Vorbild, auch wenn dieser längst aus dem langen Schatten getreten ist. Kurt Wasserfallen galt als Vorgesetzter, der seinen Untergebenen viel Vertrauen schenkt, der aber auch kompromisslos einen Strich zieht, wenn es gebrochen wird. „Das halte ich genau gleich“, sagt Christian Wasserfallen wie aus der Pistole geschossen. Dafür dürfte er im politischen Nahkampf weniger cholerisch sein. Sein Bruder Peter war vor einigen Jahren der SVP beigetreten, für die er sogar in den Berner Stadtrat gewählt worden war. Aber der ältere der beiden Wasserfallen-Söhne überwarf sich bald mit seiner Partei und trat wieder aus. „Er regt sich in der Politik viel zu sehr auf, nimmt die Dinge persönlich“, sagt Christian Wasserfallen. In der direkten Demokratie mit Mehrparteiensystem sei der Gegner von heute vielleicht der Verbündete von morgen. Auch Wasserfallens langjährige Lebenspartnerin Alexandra Thalhammer, Senior Consultant bei der PR-Agentur Burson-Marsteller, ist als Berner FDP-Stadträtin politisch aktiv. Seine charismatische Mutter Margret, die vor acht Jahren vergeblich für den Stadtrat kandidiert hatte, lässt inzwischen die Finger von der Politik. Ebenso wie der Bruder.

Christian Wasserfallens politische Laufbahn dagegen verlief konstant. Obschon im November 2000 auf dem siebten Ersatzplatz gelandet, konnte er bereits während der Legislatur in den Berner Stadtrat nachrutschen. Alle besser Platzierten waren weggezogen oder nicht mehr am Amt interessiert. 2003 trat der Jungfreisinnige erstmals bei den Nationalratswahlen an und distanzierte auf Anhieb Schwergewichte der Mutterpartei. Nun zahlte sich aus, dass die Jungpolitiker als erste die eben aufgekommenen Gratiszeitungen als Plattform entdeckt hatten. Wasserfallen, der ein unverkrampftes Verhältnis zu den Medien pflegt, war 2007 bereits so bekannt, dass er den Sprung in den Nationalrat schaffte. Die Berner FDP leidet allerdings bis heute darunter, dass die Jungpolitiker Markwalder und Wasserfallen mit ihren Senkrechtstarts die Karrieren einer ganzen Generation verdienter Parteigrössen gestoppt haben.

Obwohl er von der gestrengen Fraktionschefin Gabi Huber nicht sonderlich gefördert wurde, ging es mit Wasserfallens politischer Laufbahn auch auf der nationalen Bühne bergauf. Seit 2012 ist er FDP-Vizepräsident und hat diesen Herbst beim unfallbedingten Ausfall von Philipp Müller auch bereits etwas Präsidentenluft geschnuppert. Als es um die Nachfolge von Gabi Huber ging, unterlag er zwar dem Tessiner Ignazio Cassis, aber jetzt steht er als Parteipräsident im Vordergrund. Gut möglich, dass der ehrgeizige Berner diesen Kelch nicht an sich vorbeiziehen lässt. Aber ebenso denkbar ist, dass er, der seinerzeit dem theoretischen Universitätsbetrieb den Rücken gekehrt hat, lieber auf eine Gelegenheit wartet, als Regierungsmann praktische politische Arbeit zu leisten. Schliesslich ist der Schraubstock in seiner Wohnung an der Länggasse bis heute im Einsatz – wenn auch nur noch als Aufbewahrungsort für Einladungskarten.

Erschienen am 1. Februar 2016 in der Basler Zeitung

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