Tschäppäts heiss begehrter Berner Thron

Die Thronfolge von Alexander Tschäppät im rot-grünen Bern dürfte doch noch spannend werden.

Ende Jahr tritt der Mann mit dem Dreitagebart und der modischen Hornbrille von der städtischen Bühne ab. In seinen zwölf Jahren als Stadtpräsident hat sich der begnadete Wahlkämpfer Alexander Tschäppät zum unangefochtenen Platzhirsch aufgeschwungen, obwohl er immer wieder mit unbedachten Auftritten für kleinere Aufregungen gesorgt hatte. Mit 70 Prozent der Stimmen feierte er bei seiner letzten Wiederwahl 2012 einen regelrechten Triumph über die Herausforderer aus dem bürgerlichen Lager.

Nicht zuletzt deshalb gilt die Stadt als uneinnehmbare rot-grüne Hochburg. Längst scheint klar, wer die Thronfolge antritt: Ursula Wyss, ehemalige SP-Fraktionschefin im Bundeshaus und seit 2013 als Tiefbau- und Verkehrsdirektorin vollamtlich in der fünfköpfigen Stadtregierung tätig. Sie wäre die dritte Sozialdemokratin in Folge. Aber auch die erste Frau Stadtpräsidentin.

Doch jetzt rumort es heftig im Rot-Grün-Mitte-Bündnis, kurz RGM genannt, das in der Bundesstadt seit 23 Jahren die absolute Mehrheit stellt. Auch die Grünen wollen eine Stadtpräsidentin und portieren mit Franziska Teuscher ebenfalls eine ehemalige Nationalrätin, die seit 2013 als Bildungs- und Sozialdirektorin in der Stadtregierung sitzt. Und seit Freitag ist klar: Auch der Bernburger Alec von Graffenried, ehemaliger Nationalrat der Grünen Freien Liste, wird antreten. Von Graffenried steht für das M, womit alle drei Partner von RGM Anspruch auf das Stadtpräsidium erheben.

Damit ist das bedrohlichste Szenario für die vermeintlich ungefährdete SP Tatsache geworden. Von Graffenried gilt im Gegensatz zu Wyss und Teuscher als ausgesprochener Realo mit praktischem Bezug zum Wirtschaftsleben. Er arbeitet seit 2007 als Direktor für Immobilienentwicklung bei der Baufirma Losinger Marazzi. Er ist nicht nur für gemässigte Linke, sondern auch für weite Teile des bürgerlichen Lagers wählbar. Und der Wunsch nach einer echten Alternative zu Wyss ist in der Bundesstadt unüberhörbar. Ob von Graffenried das auch wirklich ist, darüber lässt sich streiten. Im letzten Parlamentarier-Rating von 2013, das einen direkten Vergleich erlaubt, war er bei -6,4 Punkten positioniert. Ursula Wyss lag mit -7,0 nur unwesentlich weiter links, während Teuscher mit -9,0 Punkten am äussersten linken Rand des Nationalrats politisierte.

Im bürgerlichen Lager und bei den Wirtschaftsverbänden, die schon seit Monaten offen mit einer Kandidatur von Graffenrieds sympathisieren, gilt der meist in Anzug und Krawatte auftretende Bürgerliche als kleinstmögliches Übel mit reellen Wahlchancen im linken Bern. Subtil treibt die GFL seither die rot-grünen Bündnispartner vor sich her. Beim Grünen Bündnis hat ihre Offerte für einen Zusammenschluss bereits offene Flügelkämpfe provoziert. Vergangene Woche setzte sich dort der linke Flügel um die im letzten Herbst abgewählte Nationalrätin Aline Trede durch. Die Fusionsofferte wurde ebenso wie der Vorschlag für eine gemeinsame Kandidatur abgelehnt. Was von einzelnen Beobachtern schon als Fanal für von Graffenried gedeutet wurde, war für diesen im Gegenteil das Startsignal. Jetzt, wo sich die Linksgrünen mit Franziska Teuscher eine eigene Kandidatur herausnehmen, wird das RGM-Bündnis nur noch schwerlich begründen können, weshalb nicht auch die GFL sollte antreten dürfen. Beide grünen Parteien kommen in der Stadt Bern auf einen Wähleranteil von zehn Prozent. Die SP erreichte 2012 allein 29 Prozent.

„Eine Kandidatur auf der Liste von Rot-Grün-Mitte steht im Vordergrund“, sagt von Graffenried, wohl wissend, dass das Bündnis damit der bisher grössten Belastungsprobe ausgesetzt wird. SP und Grüne betonen unablässig, nun sei es Zeit für eine Frau und RGM solle sich auf eine Doppelkandidatur einigen. Jetzt sind sie es, die das Bündnis sprengen müssen, wenn sie den männlichen Angstgegner loswerden wollen. Gut möglich, dass ein solcher Entscheid zugleich für die längst fällige Flurbereinigung bei den grünen Parteien sorgt. Nur in der Stadt Bern haben GFL und Grüne den auf kantonaler Ebene erfolgten Zusammenschluss noch nicht vollzogen. Zudem gibt es mit der Grünen Alternative noch eine weitere Kleinstpartei. Und vor einigen Jahren haben auch die Grünliberalen, die der GFL inhaltlich am nächsten stünden, eine eigene Stadtsektion gegründet. Die Verhältnisse sind nicht nur für die Wählerschaft kompliziert. Der Entscheid des Grünen Bündnisses, eigenständig und links zu bleiben, war äusserst knapp zustande gekommen. Das riecht nach Spaltung, während bei GFL und GLP eine engere Zusammenarbeit zustandekommen dürfte, falls das Bündnis bricht.

RGM zeigt schon länger Zersetzungserscheinungen. Spätestens seit die GFL im Jahr 2000 den eigenen Gemeinderatssitz an die SP verloren hat, kommt es immer wieder zu kleineren und grösseren Reibereien mit dem Mittepartner. Als die Sozialdemokraten vor vier Jahren mit einem Powerplay den Grünen die begehrte Tiefbau- und Verkehrsdirektion entrissen, kühlte sich auch das Verhältnis zwischen Rot und Grün merklich ab. Dass der politische Wind zunehmend von rechts bläst, erhöht die Nervosität im linken Lager zusätzlich.

Trotzdem ist das bürgerliche Lager weit davon entfernt, die 1992 verlorene Mehrheit in Bern zurück zu erobern. Zwar dürfte die FDP mit ihrem städtischen Finanzdirektor Alexandre Schmidt, ehemaliger Direktor der eidgenössichen Alkoholverwaltung, antreten. Auch die SVP hat mit Tierpark-Direktor Bernd Schildger eben einen bekannten Kopf für den Gemeinderat nominiert. Aber mit Wähleranteilen von 9 Prozent (FDP) und 14 Prozent (SVP) sind die beiden Parteien nicht nur zu schwach, sondern zu allem Überfluss auch noch notorisch zerstritten.

Den ersten sozialdemokratischen Stadtpräsidenten hatte Bern nach einer langen protestantisch-konservativen Ära und drei Freisinnigen schon im unruhigen Landesstreik-Jahr 1918. Bereits zwei Jahre später übernahmen Bürgerliche das Zepter, bis von 1958 bis 1979 wieder zwei SP-Männer regierten. Der zweite war Reynold Tschäppät, der in Bern bis heute als „Vater“ des Daches über dem Eisstadion des SC Bern in dankbarer Erinnerung geblieben ist. Auch sein Sohn hinterlässt mit dem ausladenden Baldachin vor dem Berner Hauptbahnhof ein Denkmal über den Berner Köpfen. Gut möglich, dass man sich in der Bundesstadt auch an den Kampf um seine Nachfolge noch länger erinnern wird .

Erschienen am 25. Januar 2016 in der Basler Zeitung.

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