Krachen im Gebälk

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Mit Alec von Graffenried haben die Stadtberner ausgerechnet den Spross einer Patrizierfamilie zum Favoriten für das Stadtpräsidium erkoren. Trotz der politischen Distanz zu seinen Ahnen schlägt er weit weniger aus der Familie, als es auf Anhieb scheint.

Noch nie war das rot-grüne Bündnis in der Stadt Bern so stark wie seit dem letzten Wahlsonntag. Und noch nie war es so schwach. Die seit 24 Jahren mit absoluter Mehrheit regierende Linke gewinnt vier von fünf Regierungssitzen. Aber die tonangebende SP erleidet mit ihrer durchorchestrierten Kampagne für die Nachfolge von Stadtpräsident Alexander Tschäppät eine demütigende Niederlage. Ursula Wyss, die SP-Politikerin, die als erste Frau Berner Stadtpräsidentin hätte werden sollen, wird es mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht. Möglicherweise hat sie sich zum Zeitpunkt, in dem dieser Artikel erscheint, bereits selbst aus dem Rennen genommen, um den Schaden zu minimieren. Wahrscheinlich tritt sie aber Mitte Januar noch zum zweiten Wahlgang an. Entschieden hat sie nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe.

Die städtische SP ist den Bernerinnen und Bernern zu machtbewusst geworden. Sinnbildlich für diese Entwicklung steht die makellose, stets kontrollierte Profipolitikerin Wyss. Wohl verfügt sie über einen imposanten Leistungsausweis, eine beträchtliche Hausmacht und einen routinierten Auftritt. Aber eine Politikerin der Herzen war die Frau mit dem gestrengen Charme einer Zahntante nie.

Legendenumwobener Stammvater

So weit, so normal. Jede politische Ära hat ein Verfallsdatum. Was der Wahl eine pikante Note verleiht, ist die Alternative zu Wyss: Mit Alec von Graffenried, 54, haben die Bernerinnen und Berner ausgerechnet den Spross einer alteingesessenen Patrizierfamilie auf den Schild gehoben. Einen Mann, dessen Stammbaum lückenlos bis ins 14. Jahrhundert reicht. Vier Schultheissen schmücken seine Ahnengalerie. Die von Graffenrieds regierten schon an der Aare, als Bern noch der grösste Stadtstaat nördlich der Alpen war und die Herren im Rathaus diktatorisch über Ländereien vom Genfersee bis in den Aargau regierten. Lange ist es her. Im heutigen Bern geht es um Velostrassen, genossenschaftliche Wohnungen und ein Kulturzentrum, dessen Untermieter im periodischen Häuserkampf an der kommunistischen Weltrevolution arbeiten. Im neuen Gemeinderat endet das politische Spektrum am rechten Rand bei CVP-Polizeidirektor Reto Nause. Der voraussichtliche neue Stapi Alec von Graffenried politisiert bei den Grünen. Dass «liberal» für ihn kein Schimpfwort ist, reichte in der Bundesstadt aus, ihn zum Hoffnungsträger der gesamten Wählerschaft rechts der Mitte zu adeln.

Alec von Graffenried gehört zum sogenannten Burgistein-Zweig, von dem es noch rund 120 lebende Familienmitglieder gibt. In der Romandie gibt es noch wenige Nachfahren der Münchenwiler-Linie. Zwei weitere Stämme sind im 19. Jahrhundert ausgestorben. Als Stammvater aller Linien gilt der mit Salzhandel reich gewordene, legendenumwobene Niklaus, der in drei Ehen zwölf Kinder zeugte, mehrmals hohe politische Ämter bekleidete und ihrer dreimal wegen Verfehlungen auch wieder enthoben wurde. Niklaus, auf den die lodernde Flamme im Familienwappen zurückgeht, hatte das für damalige Zeiten biblische Alter von 86 Jahren erreicht, als er 1554 starb. Einer seiner Enkel, Abraham von Graffenried, schaffte 1590 als erstes Familienmitglied den Aufstieg zum Schultheissen. Von nun an gehörten die von Graffenrieds bis zum Ende des Ancien Régime 1798 zum bernischen Patriziat. «Diese verwandtschaftlich eng verflochtene Gruppe von Geschlechtern schloss sich gegen die Konkurrenz neuer aufsteigender Familien mittels Schliessung des Berner Burgerrechts und über geschickte Heiratspolitik immer mehr ab», heisst es in der jüngsten, vom Historiker Hans Braun verfassten Familiengeschichte.

«Regimentsfähige Familien»

Als die Vorherrschaft der Patrizier mit dem Einmarsch von Napoleon 1798 gebrochen und mit der neuen Bundesverfassung von 1848 endgültig beendet wurde, war dies zunächst ein Verlust von Privilegien. Dass es auch ein Gewinn neuer Freiheiten war, wussten erst spätere Generationen zu schätzen. Die politische Macht und die einträglichen Ämter hatten die einstigen «regimentsfähigen Familien» zwar verloren, aber dafür entfiel nun auch der Zwang zur standesgemässen Heirat nach Familienraison. Und die Berufswahl war nicht mehr auf das Regieren oder das Kriegshandwerk beschränkt. Seit 150 Jahren vermischen sich die früher strikt getrennten Welten. Einzelne Nachfahren wie der 2012 verstorbene Vermögensverwalter und Verleger Charles von Graffenried vermehrten ihre Besitztümer bis in die jüngste Zeit, einige verarmten völlig. Andere gehören inzwischen zum ganz normalen Schweizer Mittelstand, bewohnen etwa mit ihrer Patchworkfamilie ein eigenes Loft im Murifeldquartier und verdienen sich als Direktor für Immobilienentwicklungen bei der Losinger Marazzi AG ihr eigenes Geld – wie Alec von Graffenried.

Obwohl nicht mit goldenem Löffel im Mund geboren, spielte der grosse Name in seinem Leben eine wichtigere Rolle, als ihm lieb war. «Gerade weil ich einer von ihnen bin, gab ich mir besondere Mühe, möglichst normal zu sein», sagt von Graffenried. Neben Schule und Studium schob er in der Migros Einkaufswägeli und liess sich auf dem Bau als Handlanger von den Gerüstbauern herumkommandieren. Zu seinem Freundeskreis gehörten Rockmusiker und Künstler, die auf der Bühne den mit ihm nicht direkt verwandten Berner Zeitungskönig Charles von Graffenried angriffen. Alec liess das «von» in seinem Namen weg, um Distanz zur Herkunft zu markieren. Der nähere Kontakt zu seinem Cousin André, einem ehemaligen Botschafter und heute nahen Vertrauten, oder zum Verlegersohn und Fotografen Michael sowie zur Verlegertochter und Schauspielerin Ariane von Graffenried, die ebenfalls in der alternativen städtischen Kulturszene verkehrten, entspannte sein Verhältnis zur Präposition im Familiennamen. Erst als Familienvater mit über dreissig Jahren kehrte Alec von Graffenried gewissermassen in den Schoss der Familie zurück und wurde Mitglied der «Familienkiste». Dieser seit 1720 bestehende Fonds wurde zur Unterstützung notleidender Familienmitglieder gegründet. Aus ihm werden heute auch Ahnenforschung, Ausbildungsbeiträge und Clanzusammenkünfte finanziert.

Jahrelang wischte Alec von Graffenried Fragen zu seiner Abstammung mit dem Hinweis beiseite, durch den frühen Tod seines Vaters, der Arzt war, habe sich auch der Nimbus der Vergangenheit aus seinem Leben verflüchtigt. Seinen Grossvater, den 1976 verstorbenen ehemaligen Burgergemeinde-Präsidenten Albrecht von Graffenried, hatte er als Jugendlicher noch erlebt. Dieser sass in mehreren Verwaltungs- und Stiftungsräten und verfügte über ein beträchtliches Mass an Macht und Einfluss im Hintergrund. Im Gegensatz zu seinem Enkel, der für Europa weibelt, gehörte er dem rechtsbürgerlichen Volksbund für die Unabhängigkeit der Schweiz an und stand in Verbindung zu frontistischen Kreisen.

Trotz der politischen Distanz zu seinen Ahnen schlug Alec von Graffenried – auch zu seinem eigenen Erstaunen – weit weniger aus der Familie, als es auf Anhieb scheint. Wie viele seiner Namensvetter studierte er Recht und wurde bernischer Fürsprecher, bevor er 2000 als Regierungsstatthalter gewählt wurde – eine Funktion, deren Wurzeln auf die einstigen Landvögte zurückgehen. 2007 wechselte er zum Baukonzern Losinger Marazzi, wo er wie seine Vorfahren mit Immobilien geschäftet. Gleichzeitig schaffte er 2007 die Wahl in den Nationalrat. In der Stadt Bern gehört er zur Grünen Freien Liste, einer Gruppierung, die der später gegründeten Grünliberalen Partei inhaltlich nähersteht als der Grünen Partei, unter deren Dach sie auf kantonaler und nationaler Ebene politisiert. Mehr oder weniger offen sympathisierte er einige Zeit mit einem Wechsel, trat dann aber kurz vor den Erneuerungswahlen im Sommer 2015 aus dem Parlament zurück, um sich auf Beruf und Familie zu konzentrieren. «Meine Kinder sollen einen Vater haben, der da ist», erklärte er. Von Graffenried lebt mit seiner zweiten Frau, der Psychologin Cornelia, und den beiden Kindern im Teenageralter zusammen. An den sonntäglichen Familientreffen stossen auch die beiden Kinder aus erster Ehe dazu. Er kocht und kauft meistens ein. Sie erledigt die Wäsche. Nun will er doch wieder in die Politik. Aber diesmal mit einem Vollzeitpensum.

Von Graffenrieds schwache Flanke

Die gelegentlichen Richtungswechsel, die oft lavierenden Stellungsbezüge, sein zuweilen flapsiger Auftritt als Grüner in Krawatte und Anzug: Seine inhaltliche Unfassbarkeit – er nennt es Differenziertheit – ist die schwache Flanke des Politikers Alec von Graffenried. Zumindest als sie noch beide im Nationalrat politisierten, stand er im Parlamentarier-Ranking der NZZ nur unwesentlich weiter rechts als Ursula Wyss. In Widerspruch zu ihrem Image politisiert auch die Sozialdemokratin auf dem rechten Flügel ihrer Partei. Aber in diesem Kampf um das Berner Stadtpräsidium geht es nicht um inhaltliche Differenzen. Es geht um Faktoren wie Vertrauen, Authentizität und Volksverbundenheit. Keiner hat ein feineres Sensorium für diese Stimmungen als der abtretende Instinktpolitiker Alexander Tschäppät. Seit Jahren wird kolportiert, dass auch er nie warm geworden sei mit seiner designierten Nachfolgerin. Am Tag vor dem SP-Debakel an der Urne sorgte Tschäppät mit einem Selfie für einen Schock in seiner Parteizentrale. Unter der Zeile «Alex für Alec von Graffenried» strahlte der amtierende Stapi mit von Graffenrieds Wahlhelferin Rosa Losada in die Kamera. Als er postwendend mit wütenden Reaktionen eingedeckt wurde, sorgte Tschäppät dafür, dass der Facebook-Eintrag rasch wieder gelöscht wurde. Wer ihn indes kennt, kann sich kaum vorstellen, dass der Eintrag ohne seine gütige Mithilfe zustande gekommen war.

Die Episode mag bedeutungslos sein, aber sie ist ein weiteres Indiz dafür, wie morsch die vermeintlich starke Rot-Grün-Mitte-Allianz in Bern in ihrem Inneren ist. Schon vor einem Jahr wurde der faktisch bereits erfolgte Bruch im Hinblick auf die Wahlen noch notdürftig gekittet. Setzt sich von Graffenried nun definitiv durch, dürfte es bei der ersten grossen Belastungsprobe definitiv krachen im Gebälk.

Erschienen am 1.12.2016 in der Weltwoche

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