Mann der dosierten Provokation

Schon als Gymnasiast stand Christian Wasserfallen mit seinen wirtschaftsfreundlichen Ansichten einsam in der Landschaft. Wie sein Vater Kurt, legendärer Polizeidirektor der Stadt Bern, ist der FDP-Politiker ein «Stachel im Fleisch von Rot-Grün». Nun steht er als ACS-Präsident vor der Feuerprobe.

Wenn ein Politiker offen kommuniziert, bedeutet das noch lange nicht, dass seine Botschaften auch ankommen. Als Christian Wasserfallen nach der Rücktrittsankündigung von FDP-Präsident Philipp Müller auf allen Kanälen als Kronprinz gehandelt wurde, legte er die Karten auf den Tisch: Er müsse sich die Sache gut überlegen, den zeitlichen Aufwand abschätzen, andere Optionen prüfen und werde im Februar bekanntgeben, ob er sich zur Verfügung stelle.

So war es. Wasserfallen erklärte am 7. Februar seinen Verzicht und begründete ihn mit seinem Alter, seiner Lebenssituation und legte – ungewöhnlich genug – offen, dass für ihn auch eine Kandidatur als Berner Regierungsrat in zwei Jahren eine Option ist. Dass der Berner Freisinnige mit 35 Jahren nicht all seine Engagements zugunsten eines Vollzeitjobs als Parteichef aufgeben und mit Mitte vierzig vor der grossen Leere stehen wollte, mag dem Klischee vom karrieregeilen Politiker widersprechen, aber es war die nüchtern abgewogene Begründung eines Mannes, der mit grosser Wahrscheinlichkeit Präsident geworden wäre, wenn er sich denn zur Verfügung gestellt hätte.

Sechs Monate später gilt der schlaksige Maschineningenieur gerade als «Dauerverlierer», «Ämtlisammler» und Karrierist. Bei der Ausmarchung um das Fraktionspräsidium habe er gegen Ignazio Cassis den Kürzeren gezogen. Als es um das Parteipräsidium ging, habe er nach Bekanntgabe der Kandidatur von Petra Gössi das Handtuch geschmissen. Und jetzt – Anlass der düsteren Prophezeiungen ist ein Machtkampf beim Automobil-Club der Schweiz (ACS) – drohe ihm die nächste Pleite.

Putsch der Basis drohte

Dieser Automobil-Club der Schweiz war einmal das noble Pendant zum Touring-Club Schweiz (TCS). Mittlerweile hat er sich konsequent in die politische Bedeutungslosigkeit manövriert und organisiert zur Hauptsache gesellige Anlässe. Im Abstimmungskampf für die Milchkuh-Initiative beschränkte sich das Engagement des ACS im Wesentlichen auf ein Statement seines Präsidenten im Werbematerial. Die Zeiten, in denen wenigstens dies etwas bewirkt hätte, sind allerdings längst vorbei.

Der Unmut schwelte schon lange, aber erst als der selbstherrliche «Zentralvorstand» in Bern realisierte, dass ihm ein Putsch der Basis drohte, wurde er aktiv. Mit einer Verschiebung der entscheidenden Versammlung in letzter Minute versuchte er, sein Schicksal abzuwenden. Jene 13 von 19 Verbandssektionen, die einen Neuanfang wollten, führten die Delegiertenversammlung trotzdem durch und wählten Christian Wasserfallen ohne Gegenstimme als neuen Präsidenten. Nun berief sich die Berner Seilschaft auf formale Fehler, trat unter reger Anteilnahme eine Kampagne gegen Wasserfallen los und weigerte sich, die Zügel abzugeben. Am 16. September findet eine weitere Versammlung statt, an der das alte Führungspersonal bezeichnenderweise mit dem Schaffhauser Nationalrat Thomas Hurter antritt, der in der SVP-Fraktion seit seinem Doppelspiel bei der Bundesratswahl im Abseits steht. Danach dürfte der Spuk beendet sein. Die Berner Zeitung rechnete vergangene Woche trocken vor, dass sich aufgrund der Anzahl Delegierter eine Mehrheit von über 60 Prozent für Wasserfallen aussprechen wird, während auf Hurter weniger als 20 Prozent der Stimmen entfallen. Nur bei 20 Prozent ist demzufolge unklar, welchem Lager sie zuzuordnen sind.

Wasserfallen selbst ist weniger optimistisch. Sogar wenn die Mehrheiten klar seien, drohe dem ACS die Abspaltung jener drei Sektionen, die gemäss ihren Verlautbarungen zu einer Zusammenarbeit mit ihm nicht bereit seien. Zudem werde der Verband durch die Strafanzeigen noch bis weit ins nächste Jahr lahmgelegt. All dies veranlasse ihn zu einer «neuen Lagebeurteilung», bevor er sich endgültig entscheide.

Trotzdem wäre es eine Überraschung, wenn Wasserfallen den eingeschlagenen Weg nicht zu Ende ginge. Wenn er sich in den zwölf Jahren seiner parlamentarischen Tätigkeit ein Markenzeichen erarbeitet hat, dann ist es die sachlich-nüchterne Geradlinigkeit, mit der er politisiert: immer korrekt, immer freundlich im Ton, aber ohne Konzessionen an politische Modeströmungen. Als das Parlament in heller Aufregung über das Reaktorunglück in Fukushima die Energiepolitik umkrempelte, verteidigte er ungerührt die Atomkraft. In der Medienpolitik legt er sich mit der mächtigen SRG an. Die «No Billag»-Initiative ist ihm zu radikal, aber als Vizepräsident der rechtsbürgerlichen Aktion Medienfreiheit und Verwaltungsrat des Privatsenders Radio Bern 1 kämpft er im Nationalrat für eine Beschränkung der staatlichen Sender auf einen enger gefassten Auftrag und ein Mitspracherecht des Parlaments bei der Konzession. Obwohl im links-grünen Berner Länggassquartier zu Hause, hält er auch in der engeren Heimat mit seiner Meinung zum städtischen Heiligtum Reitschule nicht zurück. Am autofreien Sonntag im Quartier besucht er das Bergrennen am Gurnigel und fährt mit offensichtlichem Vergnügen unmittelbar nach Aufhebung der Verkehrssperren mit seinem schnittigen Peugeot RCZ R in der Strasse vor.

Nibelungentreue zu Markwalder

Wasserfallen ist Städter durch und durch. Aufgewachsen in einem «stinknormalen Sechsfamilienhaus» in der Berner Elfenau, ausgebildet an der Manuel-Schule und am Kirchenfeld-Gymnasium, ist er mit den links-grünen Glaubenssätzen des urbanen Establishments seit der Jugendzeit vertraut. Auf Debatten bereitet er sich akribisch vor, stets im Bemühen, die Widersprüche seiner Kontrahenten mit unromantischen Fakten zu kontern. Schon mit Mitte zwanzig kreuzte er auf öffentlichen Podien mit der damaligen SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga die Klingen, die er bis heute respektvoll als härteste Gegnerin bezeichnet. Wasserfallen ist ein Mann der dosierten Provokation, kein Haudegen, der sich mit Leidenschaft ins Getümmel stürzt. Er will im sportlich-fairen Wettkampf als Ritter ohne Fehl und Tadel als Sieger aus der Wortschlacht gehen. Einer seiner liebsten Sätze lautet: «Ich darf behaupten, dass ich am Morgen in den Spiegel schauen kann.»

Zu diesem persönlichen Ehrenkodex passt auch seine Nibelungentreue zu Ratskollegin Christa Markwalder. Obwohl die Nationalratspräsidentin in grösstmöglicher innerparteilicher Distanz am linken Rand des freisinnigen Spektrums politisiert und den EU-Beitritt befürwortet, betont er die «mindestens 90 Prozent Übereinstimmung» mit ihr, hält die Meinungsunterschiede «in der einen oder anderen Frage» für normal und twittert regelmässig Bilder, die die beiden gegensätzlichen FDP-Parlamentarier einträchtig zusammen zeigen. Als Markwalder mit der aufgebauschten «Kasachstan-Affäre» unter Druck gesetzt wurde, verteidigte Wasserfallen sie wie ein Löwe. Umgekehrt kann auch er im aktuellen Gezerre um den ACS auf ihre Loyalität zählen.

Unvorstellbar, dass Wasserfallen öffentlich über persönliche Anfeindungen jammern würde. Aber spurlos gehen sie nicht an ihm vorbei. Bloss reagiert er darauf mit einem Reflex, den die sturmerprobte Familie Wasserfallen seit eh und je praktiziert: Rückzug und Abschottung. Den Wunsch, auch ein Gespräch mit seiner charismatischen Mutter Margret zu führen, schlug Wasserfallen nach interner Rücksprache postwendend aus. Misstrauisch, das familiäre Umfeld könnte in den ACS-Streit hineingezogen werden, liess man die Tür in der Elfenau geschlossen.

Als Mitte der neunziger Jahre die Auseinandersetzung um die Reitschule ihren Höhepunkt erreichte und Wasserfallen ein Teenager war, fand vor genau dieser Tür eine Demonstration gegen seinen Vater Kurt statt. Der freisinnige Berner Polizeidirektor und Nationalrat war damals das reaktionäre Feindbild der Bewegten. Er galt als Hardliner, verbissen und knochenhart. Sein erklärtes Vorbild war der New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani. Er unterband Demonstrationen rigoros, selbst diejenige der Frauen nach der Nichtwahl Christiane Brunners auf dem Bundesplatz. Er wetterte gegen «linke Gutmenschen» und räumte unter Getöse den Vorplatz der Reitschule. Die Empörung schien dem bärbeissigen und schlagfertigen Haudegen wenig anzuhaben, obwohl er auch öffentlich aufs gröbste angegriffen wurde. Er bezeichnete sich selbst nicht ohne Stolz als «Stachel im Fleisch von Rot-Grün». Wie viel Respekt er sich mit seiner scheinbar unerschütterlichen Standhaftigkeit erworben hatte, wurde deutlich, als er 2006 mit nur 59 Jahren überraschend im Amt verstarb. Die Nachrufe überschlugen sich förmlich mit Hymnen auf seine menschlichen Qualitäten und seinen politischen Sportsgeist.

Aufnahmen aus Eritrea

Sport spielt auch im Leben des Christian Wasserfallen eine tragende Rolle. Einmal wöchentlich trainiert er Unihockey. Nach wie vor pilgert er regelmässig ins Stade de Suisse zu YB und in den Eishockeytempel des SC Bern, in dem die atemberaubendste Sport-Show der Stadt geboten wird. Dazugekommen ist das Fotografieren, das Wasserfallen ebenfalls ambitioniert betreibt. Mit seiner Systemkamera schiesst er so gute Bilder, dass der Blick im Frühling seine Aufnahmen aus Eritrea veröffentlichte. Seine Website zeigt auf über 1000 Bildern der Fotogalerie nicht den Politiker Wasserfallen, sondern dessen Impressionen von Reisen aus der ganzen Welt. Und eine Auswahl von 83 Aufnahmen, die er gleich selbst als «starke Bilder» deklariert.

Mit Bildern ist er aufgewachsen. Das erste Pressebild zeigt ihn zusammen mit seinem Vater nach dessen Wahl in die Stadtregierung. Es war in mehrfacher Hinsicht ein denkwürdiger Tag. Auf nationaler Ebene wurde an diesem 6. Dezember 1992 der EWR abgelehnt, auf städtischer kam die nunmehr ein Vierteljahrhundert andauernde links-grüne Mehrheit an die Macht. Die darauffolgenden Jahre in der innerstädtischen Trutzburg haben die Familie zweifellos zusammengeschweisst und geprägt. Schon als Gymnasiast stand Wasserfallen junior mit seinen wirtschaftsfreundlichen Ansichten ziemlich einsam in der Landschaft. Das anschliessende Physikstudium brach er nach zwei Semestern ab, weil es ihm zu theorielastig war. Stattdessen studierte er an der Fachhochschule Burgdorf Maschinenbau. Seine Diplomarbeit schrieb er über das «ultraschallgestützte Schleifen unter Verwendung sehr hoher Drehzahlen». Noch heute redet er sich in Fahrt, wenn er das Verfahren einem Laien erklärt. Bis vor kurzem arbeitete er mit einem Teilzeitpensum von 20 Prozent am Zentrum für angewandte Fertigungstechnik und beriet Firmen der Maschinenindustrie. Nun ist er ganz Berufspolitiker und verdient mit seinen politischen Mandaten exakt 188 700 Franken im Jahr, wie er auf seiner Website öffentlich deklariert. Ebenso gut wie als Politiker könnte man ihn sich aber als Ingenieur in einem KMU vorstellen, das Präzisionsteile herstellt. Als einer der Ersten hatte er in seiner Ausbildung die sogenannte Passerelle vom Gymnasium über ein Industriepraktikum an die Fachhochschule genutzt. Inzwischen präsidiert er den Interessenverband dieser Fachhochschulabsolventen.

Mehr Medienpräsenz als Fraktionschefs

Seine politische Laufbahn verlief bisher konstant. Obschon im November 2000 auf dem siebten Ersatzplatz gelandet, konnte er bereits während der Legislatur in den Berner Stadtrat nachrutschen. Drei Jahre später trat er als Jungfreisinniger bei den Nationalratswahlen an. 2007 war er auch dank cleverer Medienarbeit über die neuen Gratiszeitungen bereits so bekannt, dass er den Sprung ins Parlament schaffte. Weniger glatt lief es bei seinem älteren Bruder Peter. Der Historiker wurde zwar für die SVP in den Berner Stadtrat gewählt, überwarf sich dort aber mit dem Instinkt-Politiker Erich Hess und trat wieder aus. Er hatte offenbar mehr vom aufbrausenden Temperament seines Vaters mit in die Wiege gelegt bekommen und nahm das politische Geschäft zu persönlich. Heute hat er sich aus der Politik zurückgezogen. Sein abgeklärter Bruder betont hingegen, dass der Gegner von heute im schweizerischen Politbetrieb der Verbündete von morgen sein kann. Auch Christian Wasserfallens langjährige Lebenspartnerin Alexandra Thalhammer, Senior Consultant bei der PR-Agentur Burson-Marsteller, ist als FDP-Stadträtin politisch aktiv. Seine Mutter Margret, eine Mittsechzigerin von zupackender Art, die regelmässig an den Spielen des SC Bern anzutreffen ist, liess nach einem kurzen Gastspiel ebenfalls die Finger von der Politik.

Hingegen ist es eher verfrüht, Christian Wasserfallen abzuschreiben. Im letzten halben Jahr verzeichnet die Schweizer Mediendatenbank über 800 Artikel, in denen sein Name erwähnt wird. Damit sorgte er für mehr Gesprächsstoff als die Fraktionschefs der vier Bundesratsparteien. Das besagt zwar inhaltlich wenig, aber wenigstens in den politisch dürftigen Kategorien von «Verlierern» und «Siegern» deutet es nach wie vor eher auf Letztere.

Michael Hug war 2006–2013 Chefredaktor der Berner Zeitung.

Erschienen am 25.8.2016 in der Weltwoche

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