Das Märchen von den objektiven Medien

Vortrag, gehalten vor der Töpfergesellschaft Solothurn am 8. März 2017.

 

Sehr verehrte Damen und Herren

Im letzten Jahrhundert überquerte der Papst erstmals mit einem Dampfer den Atlantik. Ein Reporter der New York Post fuhr ihm mit einem Schnellboot entgegen. Er wollte das erste Interview ergattern. „Werden Sie sich bei ihrem Besuch in Amerika auch um die gefallenen Mädchen in den Bordellen kümmern?“ fragt er den Heiligen Vater als erstes. Der Papst weicht der heiklen Frage mit einer Gegenfrage aus: „Ach, das wusste ich gar nicht – gibt es Bordelle hier?“ Am nächsten Morgen erschien die New York Post mit einer dicken Schlagzeile: „Papst in Amerika – seine erste Frage: Gibt es Bordelle hier?“

Sie lachen jetzt: Aber das war do objektiv gesehen die erste Frage des Papstes.

Diese kleine Geschichte ist frei erfunden.

Aber leider steckt in ihr mehr Wahrheit drin, als uns Journalisten lieb sein kann.

Die Geschichte nicht von mir. Sie stammt aus einem Artikel von einem Berufskollegen. Ich habe sie geklaut, weil sie so gut zu meinem Thema passt.

Dieser Kollege heisst Alex Baur, Journalist bei der Weltwoche. Er schreibt zu seiner Papststory: „Objektiv betrachtet hatte die New York Post faktengetreu berichtet. Doch dem unbefangenen Leser wurde etwas Falsches vorgegaukelt, man könnte auch sagen, eine glatte Lüge, eine besonders perfide sogar, weil sie schwer zu widerlegen ist.“

Ich freue mich trotzdem, dass ich vor Ihnen über meinen Beruf sprechen darf. Bei der Zusage im letzten Herbst hätte ich nicht gedacht, dass das Thema heute so aktuell sein würde.

Ich habe meinen Vortrag unter einen Titel gestellt: „Das Märchen von den objektiven Medien.“

Ich werde versuchen, Ihnen darzulegen, weshalb es tatsächlich eine Diskrepanz zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung gibt. Aber eines vorneweg: Das ist auch kein objektiver Vortrag. Es ist subjektive Sicht eines einzelnen Journalisten. Eines Journalisten, der zwar noch gelegentlich Artikel schreibt, der aber nicht mehr mitten drin ist.

Ich bin sehr jung – mit 21 Jahren – in diesen Beruf eingestiegen. Aber meine erste Begegnung mit ihm hatte ich schon mit 17.

  • Es waren die Achtzigerjahre: Es herrschte Gleichgewicht des Schreckens.
  • Es gab Demos gegen Atomkraftwerke.
  • Es gab Demos gegen neue Autobahnen.
  • Am Gymnasium las man Tages-Anzeiger und hörte gesellschaftskritische Musik.

Im Deutschunterricht haben wir uns mit Medien befasst. Mein Kollege und ich nahmen uns die Solothurner Zeitung vor, die wir als reaktionäres Blatt einstuften. Wir bekamen ein Interview mit Chefredaktor Walter Brülisauer. Und wir fragten sehr kritisch: „Warum ist die SZ so einseitig für Atomkraftwerke, warum Berichte über die FDP grösser als SP?“

Der Chefredaktor verlor augenblicklich die Contenance. Er stauchte uns in seinem Büro nach Strich und Noten zusammen. Nach 60 Minuten schnellte die Stopptaste des Kassettenrekorders hoch. Das Band war zu Ende.

Jetzt realisierte er, dass alles aufgezeichnet worden war. Er befahl uns, das Band vor seinen Augen zu löschen.

Das haben wir, inzwischen nicht mehr so rebellisch gestimmt, auch getan. Ich könnte nun behaupten, wir seien ganz abgebrühte Hunde gewesen. Aber in Wirklichkeit haben wir erst zuhause realisiert, dass wir die falsche Seite gelöscht hatten und alles noch da war.

Genützt hat das auch nichts. Eine Woche später traten wir noch einmal bei Vogt-Schild zum Interview an. Jetzt war Walter Brülisauer gut vorbereitet und antwortete mit Engelsgeduld auf jede noch so kritische Frage.

Das war also, 1982, mein erster Blick hinter die Kulissen der Medien.

Es war eine Momentaufnahme in einer interessanten Zeit. Die Solothurner Zeitung war noch eine FDP-Zeitung, wollte aber schon eine Zeitung für alle sein.

Wir fragten Brülisauer, ob er auch einen politischen Redaktor aus einer anderen Partei anstellen würde: „Das käme nicht in Frage. Er muss uns nicht das freisinnige Parteibuch vorweisen können, aber er darf auch nicht in einer anderen Partei, zum Beispiel in der CVP oder der SP sein.“

Die Solothurner Zeitung deckte damals 70 Prozent der Haushaltungen in Solothurn ab. Ihre Artikel, so definierte es der Chefredaktor, waren objektiv. Die Kommentare waren freisinnig.

Der Medienjournalist Kurt W. Zimmermann erinnerte sich kürzlich in einem Artikel für die Weltwoche an seine Jugend in Solothurn: „Ich bin mit der Lügenpresse aufgewachsen. In Solothurn gab es drei Zeitungen. Alle waren Parteiblätter. Es gab die freisinnige Solothurner Zeitung. Es gab den katholisch-konservativen Neuen Morgen. Es gab die sozialistische Solothurner AZ. Alle drei Blätter logen und schwindelten hemmungslos. Inhaltliche Übereinstimmung zwischen ihnen gab es nur bei den Fussballresultaten und beim Lawinenbulletin.“

Das ist vielleicht etwas zugespitzt, wie wir Journalisten sagen. Aber es gab Zeiten, in denen die Zeitungen auch in Solothurn wie Kampfhähne aufeinander losgegangen sind.

Die Emanzipation von den Parteien passierte in den 70er und 80er-Jahren. Sie war eine Folge der 68-er-Bewegung. Sie wurde befeuert durch den Watergate-Skandal.

Damals deckten Bob Woodward und Carl Bernstein von der Washington Post Verfehlungen des damaligen US-Präsidenten Richard Nixon auf. Sie leisteten mit ihren Publikationen einen Beitrag zum erzwungenen Rücktritt Nixons im Sommer 1974. Ihre Informationen bekamen sie von einem Eingeweihten bei geheimen Treffen in einer Tiefgarage. Sie nannten ihre mysteriöse Quelle „Deep Throat“. Sie wussten wer er war, hielten aber dicht. Später wurde bekannt: Es war ein stellvertretender FBI-Direktor.

Für die Medien wird der Watergate-Skandal zu einer Art Gründungsmythos: Es ist der Durchbruch des investigativen Journalismus. Das Ideal ist jetzt der unerschrockene Robin Hood der Infomation, der die Mächtigen das Fürchten lehrt. Es entsteht ein neues Selbstverständnis der Medien als unabhängige Kraft die Kontrolle über staatliches Wirken ausübt.

Hollywood-Verfilmungen pflanzen dieses Bild tief in unseren Köpfen ein. Seither taucht in jedem drittklassigen Krimi irgendein Journalist auf. Seine brisanten Enthüllungen kosten ihn meist das Leben oder mindestens die Gesundheit. Das Ganze hat mit dem journalistischen Alltag so viel zu tun wie Kurt Fluri mit Mike Shiva.

Aber dieser „Water-Geist“ von Watergate ist bis heute die Grundzutat der Suppe, die in den Redaktionen zubereitet wird. Der Journalist als Aufklärer im Dienst der Öffentlichkeit.

Nun kommt die weniger heroische Version der selben Geschichte. Die alternativen Facts, wenn Sie so wollen. Man kann die Entwicklung auch aus der Sicht des Werbemarktes betrachten.

Zur selben Zeit wächst der Wohlstand und damit das Werbevolumen. Lange wächst es so stark, dass die Zeitungen trotz der neuen Konkurrenz durch das Fernsehen immer dicker werden. Wer mehr Geld verdienen wollte, musste die Auflage steigern. Um die Auflage zu steigern musste man im Teich der anderen Parteiblätter fischen. Einige Parteiblätter verschliefen die Entwicklung. Sie blieben auf der Strecke. Zuerst die katholisch-konservativen, etwas später die sozialdemokratischen AZ-Zeitungen. Die Gewinner erweiterten ihre Redaktionen, beackerten neu auch Themen wie Gesellschaft, Gesundheit und wuchsen. In der Branche machte ein böses Wort die Runde: Es braucht Journalisten, um die Rückseite der Inserate vollzuschreiben.

Es ist eine Phase der einsetzenden Konzentration. Kleinere Zeitungen werden zu grösseren zusammengelegt, um an die nationalen Werbekampagnen heranzukommen. Bei der Solothurner Zeitung hiess es damals: Wir müssen 50’000 Auflage erreichen, um die grossen Inserate zu haben.

Es ist die Zeit, in der die Zeitungsverlage zu Medienunternehmen werden – auch wenn sie noch jahrzehntelang ihre besondere Rolle für die Demokratie betonen.  „Eine Zeitung ist keine Schraubenfabrik“ lautete das geflügelte Wort in unserer Branche. Jeder Vergleich mit der Industrie war eine Beleidigung.

Zehn Jahre nach dem Watergate-Skandal wird auch die Solothurner Zeitung „unabhängig“. Der interne Machtkampf ist entschieden: Inlandchef Jörg Kiefer schreibt sich an Sylvester 1984 um Kopf und Kragen. Ohne Absprache mit dem Chefredaktor veröffentlicht er einen Artikel mit dem harmlosen Titel „Betrachtungen zur Jahreswende“: „Der Leser soll wissen“, schreibt er, „dass er eine liberale Zeitung abonniert hat, und nicht ein Allerweltsblatt, das heute so und morgen so seine Meinung kundtut. (..) Unsere politisch orientierte Zeitung pflegt auch kein Hehl daraus zu machen, bei welcher Art von Politik und bei welchen politischen Kräften sie ihre Vorstellung einer freiheitlichen Ordnung am besten aufgehoben sieht.“ Von der neuen Ausrichtung hält er nichts: „Vielerorts geht damit die Betonung der Überparteilichkeit einher, das heisst der Versuch, es allen Leuten recht zu machen, indem man einen Meinungscocktail serviert und sich, unter Unkenntlichmachung des eigenen Profils, für alle denkbaren Ansichten öffnet.“ Kurz nach diesem Kommentar muss Kiefer gehen. Er wird nachher langjähriger Korrespondent der NZZ mit Büro in Solothurn. 2010 verunfallt er im Berner Oberland tödlich.

Halten wir also fest: Die Idee, wonach die Medien als unabhängige Beobachter das Geschehen rapportieren, ist relativ jung. Sie hat zwar einen hübschen Gründungsmythos, aber letzten Endes war dieser Wandel mindestens ebenso stark wirtschaftlich motiviert.

Ich selbst bin genau zu dieser Zeit in den Beruf hineingerutscht. Ich meldete mich auf der Redaktion derSolothurner Nachrichten, Hauptgasse 11, Wohnung im 2. Stock. Ich suchte einen Nebenverdienst zum Studium. Einen Tag nach Abgabe der Adresse hatte ich den ersten Auftrag:  EHC Olten gegen den EHC Sierre.  Ich hatte noch nie ein Hockeyspiel gesehen. Vor dem Spiel musste ich im Büro Olten vorsprechen: Dort gab es Papierberge, Whisky und Qualm. Der Journalist, sah aus wie ich mir damals einen Journalisten vorstellte. Er instruierte mich zehn Minuten lang und schickte mich ins Stadion. Der Artikel war eine Katastrophe. Aber für mich hatte das erste Engagement als Journalist etwas Romantisches.

Die Zeitung war damals eine Filiale des „Luzerner Vaterland“. Das „Vaterland“ war das letzte publizistische Bollwerk der CVP. Wir waren eine muntere Truppe, geleitet von ein paar erfahrenen Journalisten und mit vielen Jungen ohne jeden Bezug zur CVP. Unser Chef Hansjörg Schenker bestand darauf, dass die Partei nicht mehr dreinzureden habe. Ich will Sie nicht mit Details aus meinem Lebenslauf langweilen. Ich möchte Ihnen einen Eindruck vermitteln, wie es damals war.

Ich habe nie Journalist gelernt. Ich war es plötzlich. Man bot mir einen Job als sogenannter Stagiaire für 2000 Franken im Monat an. Ich liess das Studium fahren und griff zu. Ein Jahr später kam die Solothurner Zeitung und bot mir einen Job als Redaktor an. Ich kämpfte eine Woche gegen das Gefühl, ein Verräter an an den Solothurner Nachrichten zu sein. Dann sagte ich zu, war Redaktor und hatte den doppelten Lohn.

Bei der SZ hatte der neue Chefredaktor Bruno Frangi die Unabhängigkeit von der FDP vorangetrieben. Vor allem in der Regionalredaktion arbeiteten recht viele junge Leute mit ähnlichem Werdegang wie ich: Mit Sympathien für linke Politiker und linke Themen und auch ziemlich aufmüpfig im eigenen Redaktionsbetrieb. Vor Abstimmungen gab es jeweils eine Parolenfassung. Alle zeichnungsberechtigten Redaktorinnen und Redaktoren stimmten ab über die Abstimmungsempfehlung der Zeitung. Einer der Sieger schrieb den Kommentar. 1988 war die Immobilienspekulation ein heisses Thema: Die linke Stadt-Land-Initiative wollte den Spekulanten an die Gurgel. Unsere Clique war geschlossen für ein Ja, was für eine Mehrheit mit einer Stimme gereicht hätte. Bruno Frangi war ein ausgezeichneter Journalist, aber auch berüchtigt für seine Wutausbrüche. Einer von uns bekam weiche Knie. Am Schluss resultierte Stimmfreigabe. Dem Chef wurden nun die Geister unheimlich, die er gerufen hatte. Als es 1989 um die Armeeabschaffungsinitiative ging, sagte er die Redaktionskonferenz kurzerhand ab. Begründung: Das Bekenntnis zur Armee ist im Redaktionsstatut verankert, darüber wird nicht abgestimmt.

Was damals bei der Solothurner Zeitung passiert war, war auch in anderen Redaktionen passiert. Es war eine ganze Generation von Journalistinnen und Journalisten nachgerutscht, die durch die grossen linken Themen dieser Jahre politisiert worden war. Unter kritischem Journalismus verstanden wir, kritisch zu sein gegen bürgerliche Heiligtümer wie Armee, Atomkraftwerke, Autobahnen. Wir verstanden uns als unabhängig und waren überzeugt, die Anwälte der Öffentlichkeit zu sein, Transparenz zu schaffen.

Wenn es also ein Credo gibt, dem kein Journalist widersprechen kann, dann ist es die Forderung nach Transparenz.

Etwas weniger enthusiastisch ist unsere Branche allerdings, wenn es um Transparenz in eigener Sache geht. Jahrzehntelang hiess es, die Medien seien linkslastig. Jahrzehntelang wurde das abgestritten. Noch lieber wurde es ins Lächerliche gezogen.

2011 hat ein Diplomand der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften eine Bachelor-Arbeit zum Thema geschrieben. Noch interessanter als das Resultat ist die Vorgeschichte:

Er schrieb 54 Chefredaktionen in der Deutschschweiz an, ob er ihren Journalisten einen Fragebogen über die politische Haltung schicken darf. 6 Redaktionen sagten ab oder antworteten gar nicht: «20 Minuten», «Blick»-Gruppe und – die 300köpfige Informationsabteilung des damaligen Radio DRS. Immerhin: 48 hatten nichts dagegen. Er konnte 1428 Fragebogen verschicken.

Nun kam die zweite Hürde: Die Frage nach ihrer Haltung war dem grössten Teil der Journalistinnen und Journalisten zu intim. Zurück kamen gerade mal 343 Fragebögen

Das Ergebnis: 30 Prozent für die SP, 14 für die Grünen, 18 für die Grünliberalen, 7 für die CVP, 14 für die FDP und 5 für die SVP. 13 Prozent der Befragten gaben keine Parteipräferenz an, obwohl diese Antwortmöglichkeit gar nicht vorgesehen war.

Dieses Ergebnis entspricht nicht ganz der politischen Wirklichkeit draussen bei der Bevölkerung.

Wenn sie sich auch noch vor Augen halten, wer sich an dieser Umfrage beteiligt hat und wer nicht, kann man sagen: In Tat und Wahrheit ist die politische Schlagseite der Redaktionen noch viel ausgeprägter.

Reden wir also nicht um den Brei herum: Es gibt eine Diskrepanz zwischen der politischen Orientierung in den Redaktionen und den politischen Kräfteverhältnissen in der Bevölkerung.

Die Untersuchung ist fünf Jahre alt. Eine neuere ist mir nicht bekannt. In letzter Zeit hiess es, die Medien seien rechter geworden. Das stimmt wohl. Es gibt vermehrt junge Journalisten, für die Links altmodisch ist. Vor allem aber gibt es neue wirtschaftliche Sachzwänge. Aber darauf kommen wir noch. Trotzdem: Vom Rechtsrutsch in den Medien sind wir noch meilenweit entfernt.

Jetzt wird es Zeit, dass ich auch meine eigene politische Standpunkt offenlege. Wie Sie gehört haben, war ich in jungen Jahren ein linker Journalist. Ich bin klüger geworden. Heute positioniere ich mich rechts der Mitte. Oder exakter: Am rechten Flügel FDP, dort etwa wo die Politiker Filippo Leutenegger oder Christian Wasserfallen stehen. Daneben habe ich mir einen Satz meines verstorbenen Berner Verlegers Charles von Graffenried zur beruflichen Devise gemacht. Von Graffenried pflegte zu sagen: Gute Zeitungen und gute Journalisten, schenken immer den Politikern und Parteien etwas mehr Gehör, die im Widerspruch zur regierenden Mehrheit stehen.

Zurück zur Untersuchung über das Medienpersonal: Genau drei Zeitungen haben über die Ergebnisse der Studie berichtet. Der Rest war Schweigen. Und der Berner «Bund» veröffentlichte einen Kommentar: Die politische Haltung der Journalisten spiele keine Rolle. Als Profis müssten sie sich an die professionellen Standards halten. Wörtlich: Journalismus heisst, allen Akteuren und allen Themen mit skeptischer Distanz zu begegnen. Für kommentierende Beiträge sind die Kommentarspalten und Meinungsseiten reserviert, nicht die Berichte.

Nun werden Sie vielleicht sagen: Richtig! Wenn ein Journalist einen Kommentar für die Unternehmenssteuerreform schreibt, kann ich deswegen immer noch dafür sein. Es gibt genug Beispiele, in denen alle Medien für ein Ja getrommelt haben und das Volk Nein gesagt hat. Und umgekehrt.

Reden wir also über den Berufskodex für Journalisten, die sogenannte Erklärung der Rechte und Pflichten der Journalisten. Darin heisst es:

  • Die Verantwortlichkeit der Journalistinnen und Journalisten gegenüber der Öffentlichkeit hat den Vorrang vor jeder anderen, insbesondere vor ihrer Verantwortlichkeit gegenüber ihren Arbeitgebern und gegenüber staatlichen Organen.
  • Bei einem kontroversen Thema ist die Gegenseite anzuhören. Und vieles mehr.

Der Berufskodex ist eine gute Sache. Er definiert Verhaltensregeln. Und es gibt auch noch Gesetze, die einzuhalten sind. Die Medien können also nicht veröffentlichen, was sie wollen. Ich behaupte: Die meisten Journalisten halten sich an diese Regeln. Wir haben hierzulande ziemlich faire Medien. Wer behauptet, in der Schweiz sei eine gezielte Medienmanipulation am Werk, den halte ich für einen Verschwörungstheoretiker.

Der Kodex verhindert Auswüchse. Aber sorgt er deswegen auch schon für unabhängige und objektive Medien? Für eine pluralistische Medienvielfalt? Oder anders gesagt: Dafür, dass alle wichtigen Themen auf den Tisch kommen?

Dafür können nur die Medien selbst sorgen.

Gehen Sie einmal an eine Redaktionssitzung und machen Sie einen Vorschlag. Zum Beispiel: „Macht doch eine Serie zu den Steuertricks der Firmenbosse“. Oder: „Recherchiert mal, woher die SVP so viel Geld hat“. Sie werden ihre Freude haben. Es gibt innert Kürze eine engagierte Diskussion. Ganz viele Leute am Tisch werden Vorschläge machen und sich um das Thema reissen.

Gehen Sie am nächsten Tag noch einmal an die Redaktionssitzung und schlagen sie vor: „Schreibt mal eine Serie über die Subventionsprofiteure bei den alternativen Energien“. Oder: „Recherchiert mal, wie viele Menschen, die als Flüchtlinge in die Schweiz gekommen sind, inzwischen von der Sozialhilfe leben“. Jetzt werden Sie ganz viele Leute sehen, die angestrengt auf den Tisch starren und hoffen, dieser Kelch gehe an Ihnen vorbei.

Journalisten sind auch nur Menschen. Sie berichten nun mal lieber über Themen, für die sie am anderen Tag von ihrem Freundeskreis gelobt werden. Das liegt nicht daran, dass sie manipulieren wollen. Es ist ihnen einfach zuwider, sich mit Dingen zu befassen, die in ihren Augen gar kein Problem sind.

Jede Gruppe, die sich zu einig ist, entwickelt irgendwann blinde Flecken. Ein solcher blinder Fleck war zum Beispiel jahrelang die Sozialhilfe. Es ist kein Zufall, dass es die Weltwoche war, die ab 2007 Fehlentwicklungen aufdeckte. Heute wird kaum jemand bestreiten, dass das auch bitter nötig gewesen war.

Die Personalpolitik in den meisten Redaktionen funktioniert so, dass der Nachwuchs über persönliche Netzwerke rekrutiert wird. Eine Stelle wird frei. Das Ressort schlägt eine Kollegin vor, die ihm durch «gute Geschichten» aufgefallen ist. Unter «guten Geschichten» ist meist zu verstehen, dass man sich in der Einschätzung und der Gewichtung weitgehend einig ist. Das Resultat sind gleichförmige Teams, die sich dann eben meistens einig sind. Im Zusammenhang mit Fake News wird viel über Filterblasen berichtet. Ich behaupte: Ein grosser Teil der Medienleute lebt selbst in einer Filterblase.

Im Berufsleben bewegen sie sich unter

-Berufskollegen, Politikern, Mediensprechern und hohen Beamten. Das schafft Nähe.

-Allein im Bundeshaus wird diese Nähe von 500 Kommunikationsprofis auch gesucht.

– Im privaten Leben bewegen sich die meisten Journalistinnen und Journalisten in einem ähnlichen Milieu. Zu grossen Teilen in einem städtischen Umfeld, in dem sich auch das Personal von Universitäten, des öffentlichen Dienstes und der Kultur-Szene bewegt.

So weit so gut: Dieses Milieu hat bekanntlich recht wenig Probleme mit der Weltsicht der Medien.

Aber was ist mit den Gewerblern, den Industrieangestellten, Bankmitarbeitern, Chauffeuren, Automobilisten und den Polizisten ?

Die Mehrheit der Journalisten hat kaum einen Bezug zu deren Welt. Das klingt banal. Aber es gibt auch Leute, die mit ihren Regierungen nicht immer einverstanden sind. Leute, die finden, man müsste öfter über die Höhe der Steuern reden. Über die Grenzen der Zuwanderung. Über die Staus auf den Autobahnen. Oder über das Wachstum der Verwaltung.

Das sind nicht gerade die Kernkompetenzen von Rundschau, Echo der Zeit oder Tages Anzeiger.  Mit anderen Worten: Kommentare sind das eine. Das andere ist, welche Themen im medialen Raum überhaupt diskutiert werden und welche nicht. Oder um es noch einmal in den Worten von Baur zu sagen: „Nur Dummköpfe erfinden Fakten, Schlaumeier unterschlagen sie“.

Wir haben im Kanton Solothurn 2014 über die Sanierung der Pensionskasse diskutiert. In den hiesigen Medien wurde vor allem darüber gestritten, wer mehr zahlen muss: Die Gemeinden oder der Kanton. Über eines wurde praktisch nicht gesprochen: Wie gross ist eigentlich der Beitrag der Versicherten selbst, denen die Steuerzahler die Schulden zahlen müssen?

In Bern ist diese Diskussion anders gelaufen. Dort mussten die Staatsangestellten grössere Opfer bringen. Das war auch ein Resultat der vorgängigen Diskussion in den Medien, die genau diese Frage zum Thema gemacht haben.

Kurz: Welche Meinungen in den Medien vertreten werden ist das eine. Weit wesentlicher ist, welche Themen wichtig genommen werden. Und vor allem: Welche nicht.

 

Oder anders gesagt: Es gibt viele gute Journalisten, die gute Arbeit leisten. Aber es gibt zu wenig Pluralität. Zu wenig unterschiedliche Sichtweisen.

Statt dessen gibt es einen Herdentrieb, eine Homogenität des Inhalts, die erstaunt, wenn man sich vor Augen hält, dass keine mächtige Hand von oben die Medien dirigiert. Dass niemand ihnen die Themen diktiert. Es gibt eine Art freiwillige Selbstbeschränkung, obwohl ein ganzes Universum an Themen zur Verfügung stünde.

Woran liegt es? Es gibt seit jeher Leitmedien, denen viele nacheifern, aber das reicht als Erklärung nicht. Es gibt eine Verunsicherung in der Branche, die oft in Hysterie und Nachahmung mündet, aber das reicht als Erklärung noch weniger.

Es geht um Aufmerksamkeitsökonomie. Hat ein Thema erst einmal eine gewisse Flughöhe, garantiert es  Aufmerksamkeit ohne Ende. Ich sage nur: Donald Trump. In den US-Medien hat das Phänomen einen Namen: „Trump Bump. Bei den Onlineportalen gibt es seit Trumps Kapriolen 20 Prozent mehr Klicks.

Deshalb wird jetzt über jeden Rülpser des neuen US-Präsidenten berichtet. Kürzlich setzte sich im Weissen Haus Trumps Mediensprecherin auf das Sofa, ohne die Schuhe auszuziehen. Ein Fall für den Boulevard? Mitnichten: FAZ, Süddeutsche, Tagesanzeiger – alle berichteten über das weltbewegende Ereignis. Wohl kaum, weil es so wichtig war. Kurt W. Zimmermann hat für die hyperaktiven Online-Portale eine schöne Bezeichnung gefunden: Digitale Informations-Schiessbuden.

Ich komme auf die Behauptung zurück, die Medien seien rechter geworden. Das stimmt, was die Themenauswahl betrifft. Schuld sind die Online-Portale. Dank ihnen wird die Quote zum Mass der Dinge. Das hat viele negative Folgen, aber auch eine positive: Die Redaktionen können sich gewissen Themen nicht mehr verschliessen, weil sie sehen, wie gross das Interesse ist. Ohne Online-Portale wäre die europäische Flüchtlingskrise im letzten Jahr ziemlich sicher medial ganz anders abgebildet worden.

Die Zugriffe auf Online lassen sich in Echtzeit messen. In den Redaktionen zeigt ein Bildschirm an, welche Geschichte von wie vielen Leuten gelesen wird. Bei Tamedia heisst dieser Bildschirm „Webseismograph“. Der Webseismograph spuckt Ranglisten aus: Für den Moment, den Tag, den Monat und das Jahr. Tamedia hat eine Internetredaktion, die als interne Nachrichtenagentur die News aufbereitet: Sie heisst NewsExpress. Wenn Sie auf dem Handy eine Newsmeldung bekommen , wenn irgendwo ein Flugzeug entführt wird, dann kommt die Meldung je nachdem von dort. Die Journalisten beim NewsExpress bekommen jetzt Ende Monat einen Bonus, wenn sie mit diesen Meldungen am meisten Klicks generiert haben.

Ich sehe ehrlich gesagt keinen grossen Unterschied mehr zwischen einer Schraubenfabrik und einem Medienunternehmen.

Doch eine Rettung gibt es noch: Unsere SRG. Nur unsere SRG leistet Service Public. Sie bietet Sendungen an, die ein privates Medienhaus aus wirtschaftlichen Gründen nicht produziert.

Das stimmt. Aber bedeutet das auch, dass wir von der SRG einen unabhängigen und objektiven Journalismus vorgesetzt bekommen?

Machen wir uns nichts vor. Objektive Medien sind ein Wunschtraum. Jedes Medium hängt von seiner Geldquelle ab. Bei den einen regiert die Quote, bei den andern ein Mäzen oder eine Stiftung. Und bei den öffentlichen Rundfunkanstalten ist es der Gebührenzahler.

Auch für die SRG gilt: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Die öffentlich-rechtlichen Sender sind darauf angewiesen, eine stabile politische Mehrheit im Rücken zu haben, die ihre Bedingungen für die Konzession definiert. Diese politische Mehrheit ist seit zwei Jahrzehnten eine Mitte-Links-Allianz, was sich auch in den Programmen widerspiegelt. Seit es im Nationalrat bei den letzten Wahlen zu einem Rechtsrutsch gekommen ist, wächst die Nervosität ein bisschen. Aber das wird sich wieder legen.

Vor zwei Jahren haben wir über eine sogenannte Medienabgabe abgestimmt. Das ist ein schöneres Wort für das, was es wirklich ist: Eine Steuer. Wir haben das aus Nettigkeit gemacht, weil die Journalistinnen und Journalisten der SRG nicht als das bezeichnet werden möchten, was sie in Wirklichkeit sind: Staatsangestellte. Wobei ich nicht weiss, warum sie damit ein Problem haben. Ich finde, die Staatsangestellten bei Radio und Fernsehen machen grosso modo einen guten Job.

Aber unter dem Strich resultiert aus quotengetriebenen Privatmedien und mehrheitsabhängigen Staatssendern politisch das selbe: Ein Programm, das sich auf den politischen Mainstream ausrichtet. Etwas überspitzt könnte man formulieren, dass aus den Parteiblättern von einst wieder etwas Ähnliches entstanden ist. Ein grosses Parteimedium sozusagen. Etwas in der Art wie auf politischer Ebene die grosse Koalition in Deutschland.

Ich finde das etwas armselig. Und ich staune, dass das grosse Parteimedium regelmässig in höchste Aufregung gerät, weil es zwei Abtrünnige gibt, die als kleine Parteiblätter den Gottesdienst stören.

Aber lassen wir das. Meine Branche, die Zeitungsbranche, hat es derzeit wirklich nicht leicht.

Seit der Jahrtausendwende brechen die Inserateeinnahmen ein. Es geht nicht um konjunkturelle Schwankungen. Es geht um ein grosses, strukturelles Problem.

Ich war acht Jahre lang Chefredaktor der Berner Zeitung. Ich habe mich in dieser Zeit mehr mit Umstrukturierungen, Zusammenlegungen, Kooperationen und immer neuen Kostensenkungsprogrammen befasst. Publizistische Fragen waren eher ein Nebenjob. Es wurden Synergien zwischen Print und Online gesucht. Gefühlte 20 mal versuchten Rollkofferkommandos von Beratern aus halb Europa die Korrekturabteilung wegzusparen. Es gibt ja heute so gute Korrekturprogramme. Wenn ich richtig gezählt habe, mussten wir mit der Redaktion sieben mal zügeln. Danach erhielten wir Besuch von Beratern, die ausrechneten, wie viele Quadratmeter ein Journalist beansprucht und wie viele Stunden er seinen Arbeitsplatz benützt.

Als ich meinen Job 2006 antrat, war das gesamte Gebäude der Berner Zeitung im Lorraine-Quartier mit Infrastruktur der BZ gefüllt. In den zwei Untergeschossen der technische Betrieb mit Druckmaschine und Druckvorstufe, in den Etagen 3 und 4 die Redaktion. Heute steht das Druckzentrum im Gewerbegebiet beim Eisstadion und druckt BZ, Bund, Freiburger Nachrichten, Bieler Tagblatt, 20 Minuten, Blick am Abend und noch ein paar die ich vergessen habe. Das sind 285 Millionen Zeitungen pro Jahr, mehr als eine Million pro Arbeitstag. Eine Papierschleuder, die pro Arbeitstag 110 Tonnen Papier und fast zwei Tonnen Farbe zu Zeitungen verarbeitet.

Im vierstöckigen Gebäude der BZ sind inzwischen die Redaktionen von BZ, Bund, Sonntagszeitung und Radio Bern 1. Im Parterre sind eine Migrosfiliale und eine Krankenversicherung gemietet. Eigentlich muss man sich nur die Geschichte dieses Hauses ansehen und man weiss, was in den letzten 15 Jahren in der Pressebranche passiert ist.

Ganz ähnlich war die Entwicklung hier in Solothurn bei der Vogt-Schild AG. Die alte Herrlichkeit der Presse, so viel steht fest, ist dahin.

Was ist passiert?  In den guten alten Zeiten verdienten wir unser Geld zu 70 Prozent aus Inseraten. Die Abonnemente machten gerade mal 30 Prozent der Einnahmen aus. Bei der NZZ war das Verhältnis sogar jahrelang 80 zu 20 Prozent. Nur in Klammern bemerkt: In ihrer Blütezeit waren diese  Abozeitungen de facto werbefinanzierte Fast-Gratiszeitungen. Da ist kein grosser Unterschied zu 20 Min. Inzwischen hats sich das Verhältnis ins Gegenteil verkehrt: Mittlerweile stammen rund 60 Prozent der Einkünfte aus den Abos. Die Inserate machen noch 40 Prozent aus. Praktisch alle Verlagshäuser begannen in den Neunzigjahren, eigene Webseiten anzubieten, auf denen je nach Modell ein Teil oder alle Zeitungsinhalte gratis gelesen werden konnten. Die Hoffnung war, die verlorenen Werbegelder wieder hereinzuholen. Es war wohl ein Fehler. Die Erlöse im Netz wachsen zwar, aber viel langsamer als man sich das vorstellte.

Dafür ist das alte Geschäftsmodell definitv tot. Das alte Geschäftsmodell war, ich zitiere einen ehemaligen Chef: „Der Leser will das Filet, aber wir liefern ihm die ganze Kuh“. Die Zeitung war eine Plattform für alle grossen Werbekampagnen und ebenso für die Kleininserate für Autos, Immobilien und Stellen. Das ist vorbei. Für die lukrativen Rubrikinserate gibt es jetzt Portale wie Homegate, Auto Scout und jobs.ch.

Vielleicht haben Sie gehört, dass Tamedia in diesem Jahr erstmals mehr Geld mit digitalen Angeboten verdiente. Das stimmt. Aber schuld daran sind nicht 20 Minuten online oder tagesanzeiger.ch

Das grosse Geld kommt von jobs.ch, Homegate, ricardo, und tutti.ch.

Hier herrscht momentan Goldgräberstimmung. In einem online-Werbemarkt ab, der dank gewaltiger Datenmengen im Hintergrund immer zielgenauer genau jene Leute erreichen kann, die er ansprechen will.

Und jetzt müssen wir noch einmal über den Service Public reden. Zuvorderst in diesem Geschäft mischt neu auch die SRG mit. Zusammen mit der ebenfalls staatlichen Swisscom und dem Ringier-Verlag, der Blick und Schweizer Illustrierte herausgibt. Diese Kooperation unter dem Namen Admeira will zum grossen Player im Werbemarkt werden – mit den SRG-Sendern und der Ringier-Publizistik als Übermittler und der Swisscom als Datenbank. Man kann sich fragen, ob es wirklich eine Aufgabe von Staatsbetrieben ist, in diesem Markt eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Jedenfalls führte die Gründung von Admeira im Verband der Schweizer Medien zu einem Riesenkrach, der damit endete, dass Ringier den Austritt gab. Admeira ist eine typisch eidgenössische Lösung. Hierzulande hat man nicht erst seit der Käseunion eine Vorliebe für gemischtwirtschaftliche Modelle, bei denen am Schluss keiner mehr weiss, wer die Verantwortung trägt. Noch hat Admeira ein paar Gegner bei den Verlagen. Aber vermutlich wird man die Kritiker irgendwann ins Boot holen, indem man sie mitmachen lässt. Denn man muss wissen:  Die privaten Medienhäuser betonen zwar gern, dass sie im Unterschied zur SRG ihr Geld selbst verdienen müssen. Aber gleichzeitig waren sie sich noch nie zu schade, die Hand aufzuhalten, wenn es Manna aus der Staatskasse gab. Wenn sie also in einem baldigen Abstimmungskampf über die No Billag-Initiative die SRG jammern hören, wie dreckig es ihr im harten Medienwettbewerb geht: Haben sie nicht zuviel Mitleid. Die SRG war noch nie so stark und dominant wie heute.

Der kurze Exkurs zu den Medienmanagern war nötig, um aufzuzeigen, dass nicht nur die Journalisten gerade in turbulenten Zeiten des Umbruchs leben. Die Auflösungserscheinungen gehen bis ins wirtschaftliche Fundament. Von Google und Facebook haben wir noch gar noch nicht gesprochen. Aber das wird dann die SRG im Abstimmungskampf zur Genüge tun.

Nun kämen wir also zum fulminanten Schluss mit einer apokalyptischen Prognose für unsere Medienlandschaft. Aber ich frage Sie: Soll uns das alles ängstigen? Bedeutet dieser Umbruch das Ende der Aufklärung? Den Anfang der Manipulation und den Absturz der Wahrheit? Verlieren wir jetzt die Orientierung, die wir nie hatten?

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die bei jeder Veränderung das Schlimmste befürchten. Im Gegenteil: Ich betrachte es als Chance, dass Bewegung in die Gewissheiten kommt. Es wird immer Journalistinnen und Journalisten brauchen. Noch nie waren Informationen auf der ganzen Welt so leicht verfügbar. Noch nie war es so einfach, Informationen in die Welt zu setzen. Und noch nie war es so schwierig, Information zu unterdrücken.

Manipuliert und selektioniert wurde schon immer. Auch in unserem ganz persönlichen Alltag müssen wir herausfinden, wem wir vertrauen und wem nicht. Bei den Medien ist es nicht anders. Wir müssen uns jene aussuchen, die uns interessant und vertrauenswürdig erscheinen. Ich traue dies den Menschen zu, weil ich an die Eigenverantwortung und die Kraft von Argumenten glaube. Und weil ich nicht davon ausgehe, dass alle, die anders denken als ich, Angehörige einer dumpfen, verführbaren Masse sind.

Vielleicht wird es ja nicht schlechter, sondern besser. Von  mir aus kann es auch gern wieder ein paar Medien geben, die ihre Parteilichkeit offen deklarieren. Wir haben ja noch die  SRG. Und die NZZ. Und Google. Mir ist lieber, wenn ich weiss, aus welcher Küche meine Informationen kommen. Ich habe als junger Journalist oft mit dem verstorbenen Solothurner Journalisten Jörg Kiefer gestritten. Ich hätte nie gedacht, dass ich ihm einmal recht geben würde: Aber inzwischen finde auch ich, dass ein Meinungs- und Themencocktail, der allen schmecken soll, eine ziemlich fade Sache ist.