Das Märchen von den objektiven Medien

Vortrag, gehalten vor der Töpfergesellschaft Solothurn am 8. März 2017.

 

Sehr verehrte Damen und Herren

Im letzten Jahrhundert überquerte der Papst erstmals mit einem Dampfer den Atlantik. Ein Reporter der New York Post fuhr ihm mit einem Schnellboot entgegen. Er wollte das erste Interview ergattern. „Werden Sie sich bei ihrem Besuch in Amerika auch um die gefallenen Mädchen in den Bordellen kümmern?“ fragt er den Heiligen Vater als erstes. Der Papst weicht der heiklen Frage mit einer Gegenfrage aus: „Ach, das wusste ich gar nicht – gibt es Bordelle hier?“ Am nächsten Morgen erschien die New York Post mit einer dicken Schlagzeile: „Papst in Amerika – seine erste Frage: Gibt es Bordelle hier?“

Sie lachen jetzt: Aber das war do objektiv gesehen die erste Frage des Papstes.

Diese kleine Geschichte ist frei erfunden.

Aber leider steckt in ihr mehr Wahrheit drin, als uns Journalisten lieb sein kann.

Die Geschichte nicht von mir. Sie stammt aus einem Artikel von einem Berufskollegen. Ich habe sie geklaut, weil sie so gut zu meinem Thema passt.

Dieser Kollege heisst Alex Baur, Journalist bei der Weltwoche. Er schreibt zu seiner Papststory: „Objektiv betrachtet hatte die New York Post faktengetreu berichtet. Doch dem unbefangenen Leser wurde etwas Falsches vorgegaukelt, man könnte auch sagen, eine glatte Lüge, eine besonders perfide sogar, weil sie schwer zu widerlegen ist.“

Ich freue mich trotzdem, dass ich vor Ihnen über meinen Beruf sprechen darf. Bei der Zusage im letzten Herbst hätte ich nicht gedacht, dass das Thema heute so aktuell sein würde.

Ich habe meinen Vortrag unter einen Titel gestellt: „Das Märchen von den objektiven Medien.“

Ich werde versuchen, Ihnen darzulegen, weshalb es tatsächlich eine Diskrepanz zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung gibt. Aber eines vorneweg: Das ist auch kein objektiver Vortrag. Es ist subjektive Sicht eines einzelnen Journalisten. Eines Journalisten, der zwar noch gelegentlich Artikel schreibt, der aber nicht mehr mitten drin ist.

Ich bin sehr jung – mit 21 Jahren – in diesen Beruf eingestiegen. Aber meine erste Begegnung mit ihm hatte ich schon mit 17.

  • Es waren die Achtzigerjahre: Es herrschte Gleichgewicht des Schreckens.
  • Es gab Demos gegen Atomkraftwerke.
  • Es gab Demos gegen neue Autobahnen.
  • Am Gymnasium las man Tages-Anzeiger und hörte gesellschaftskritische Musik.

Im Deutschunterricht haben wir uns mit Medien befasst. Mein Kollege und ich nahmen uns die Solothurner Zeitung vor, die wir als reaktionäres Blatt einstuften. Wir bekamen ein Interview mit Chefredaktor Walter Brülisauer. Und wir fragten sehr kritisch: „Warum ist die SZ so einseitig für Atomkraftwerke, warum Berichte über die FDP grösser als SP?“

Der Chefredaktor verlor augenblicklich die Contenance. Er stauchte uns in seinem Büro nach Strich und Noten zusammen. Nach 60 Minuten schnellte die Stopptaste des Kassettenrekorders hoch. Das Band war zu Ende.

Jetzt realisierte er, dass alles aufgezeichnet worden war. Er befahl uns, das Band vor seinen Augen zu löschen.

Das haben wir, inzwischen nicht mehr so rebellisch gestimmt, auch getan. Ich könnte nun behaupten, wir seien ganz abgebrühte Hunde gewesen. Aber in Wirklichkeit haben wir erst zuhause realisiert, dass wir die falsche Seite gelöscht hatten und alles noch da war.

Genützt hat das auch nichts. Eine Woche später traten wir noch einmal bei Vogt-Schild zum Interview an. Jetzt war Walter Brülisauer gut vorbereitet und antwortete mit Engelsgeduld auf jede noch so kritische Frage.

Das war also, 1982, mein erster Blick hinter die Kulissen der Medien.

Es war eine Momentaufnahme in einer interessanten Zeit. Die Solothurner Zeitung war noch eine FDP-Zeitung, wollte aber schon eine Zeitung für alle sein.

Wir fragten Brülisauer, ob er auch einen politischen Redaktor aus einer anderen Partei anstellen würde: „Das käme nicht in Frage. Er muss uns nicht das freisinnige Parteibuch vorweisen können, aber er darf auch nicht in einer anderen Partei, zum Beispiel in der CVP oder der SP sein.“

Die Solothurner Zeitung deckte damals 70 Prozent der Haushaltungen in Solothurn ab. Ihre Artikel, so definierte es der Chefredaktor, waren objektiv. Die Kommentare waren freisinnig.

Der Medienjournalist Kurt W. Zimmermann erinnerte sich kürzlich in einem Artikel für die Weltwoche an seine Jugend in Solothurn: „Ich bin mit der Lügenpresse aufgewachsen. In Solothurn gab es drei Zeitungen. Alle waren Parteiblätter. Es gab die freisinnige Solothurner Zeitung. Es gab den katholisch-konservativen Neuen Morgen. Es gab die sozialistische Solothurner AZ. Alle drei Blätter logen und schwindelten hemmungslos. Inhaltliche Übereinstimmung zwischen ihnen gab es nur bei den Fussballresultaten und beim Lawinenbulletin.“

Das ist vielleicht etwas zugespitzt, wie wir Journalisten sagen. Aber es gab Zeiten, in denen die Zeitungen auch in Solothurn wie Kampfhähne aufeinander losgegangen sind.

Die Emanzipation von den Parteien passierte in den 70er und 80er-Jahren. Sie war eine Folge der 68-er-Bewegung. Sie wurde befeuert durch den Watergate-Skandal.

Damals deckten Bob Woodward und Carl Bernstein von der Washington Post Verfehlungen des damaligen US-Präsidenten Richard Nixon auf. Sie leisteten mit ihren Publikationen einen Beitrag zum erzwungenen Rücktritt Nixons im Sommer 1974. Ihre Informationen bekamen sie von einem Eingeweihten bei geheimen Treffen in einer Tiefgarage. Sie nannten ihre mysteriöse Quelle „Deep Throat“. Sie wussten wer er war, hielten aber dicht. Später wurde bekannt: Es war ein stellvertretender FBI-Direktor.

Für die Medien wird der Watergate-Skandal zu einer Art Gründungsmythos: Es ist der Durchbruch des investigativen Journalismus. Das Ideal ist jetzt der unerschrockene Robin Hood der Infomation, der die Mächtigen das Fürchten lehrt. Es entsteht ein neues Selbstverständnis der Medien als unabhängige Kraft die Kontrolle über staatliches Wirken ausübt.

Hollywood-Verfilmungen pflanzen dieses Bild tief in unseren Köpfen ein. Seither taucht in jedem drittklassigen Krimi irgendein Journalist auf. Seine brisanten Enthüllungen kosten ihn meist das Leben oder mindestens die Gesundheit. Das Ganze hat mit dem journalistischen Alltag so viel zu tun wie Kurt Fluri mit Mike Shiva.

Aber dieser „Water-Geist“ von Watergate ist bis heute die Grundzutat der Suppe, die in den Redaktionen zubereitet wird. Der Journalist als Aufklärer im Dienst der Öffentlichkeit.

Nun kommt die weniger heroische Version der selben Geschichte. Die alternativen Facts, wenn Sie so wollen. Man kann die Entwicklung auch aus der Sicht des Werbemarktes betrachten.

Zur selben Zeit wächst der Wohlstand und damit das Werbevolumen. Lange wächst es so stark, dass die Zeitungen trotz der neuen Konkurrenz durch das Fernsehen immer dicker werden. Wer mehr Geld verdienen wollte, musste die Auflage steigern. Um die Auflage zu steigern musste man im Teich der anderen Parteiblätter fischen. Einige Parteiblätter verschliefen die Entwicklung. Sie blieben auf der Strecke. Zuerst die katholisch-konservativen, etwas später die sozialdemokratischen AZ-Zeitungen. Die Gewinner erweiterten ihre Redaktionen, beackerten neu auch Themen wie Gesellschaft, Gesundheit und wuchsen. In der Branche machte ein böses Wort die Runde: Es braucht Journalisten, um die Rückseite der Inserate vollzuschreiben.

Es ist eine Phase der einsetzenden Konzentration. Kleinere Zeitungen werden zu grösseren zusammengelegt, um an die nationalen Werbekampagnen heranzukommen. Bei der Solothurner Zeitung hiess es damals: Wir müssen 50’000 Auflage erreichen, um die grossen Inserate zu haben.

Es ist die Zeit, in der die Zeitungsverlage zu Medienunternehmen werden – auch wenn sie noch jahrzehntelang ihre besondere Rolle für die Demokratie betonen.  „Eine Zeitung ist keine Schraubenfabrik“ lautete das geflügelte Wort in unserer Branche. Jeder Vergleich mit der Industrie war eine Beleidigung.

Zehn Jahre nach dem Watergate-Skandal wird auch die Solothurner Zeitung „unabhängig“. Der interne Machtkampf ist entschieden: Inlandchef Jörg Kiefer schreibt sich an Sylvester 1984 um Kopf und Kragen. Ohne Absprache mit dem Chefredaktor veröffentlicht er einen Artikel mit dem harmlosen Titel „Betrachtungen zur Jahreswende“: „Der Leser soll wissen“, schreibt er, „dass er eine liberale Zeitung abonniert hat, und nicht ein Allerweltsblatt, das heute so und morgen so seine Meinung kundtut. (..) Unsere politisch orientierte Zeitung pflegt auch kein Hehl daraus zu machen, bei welcher Art von Politik und bei welchen politischen Kräften sie ihre Vorstellung einer freiheitlichen Ordnung am besten aufgehoben sieht.“ Von der neuen Ausrichtung hält er nichts: „Vielerorts geht damit die Betonung der Überparteilichkeit einher, das heisst der Versuch, es allen Leuten recht zu machen, indem man einen Meinungscocktail serviert und sich, unter Unkenntlichmachung des eigenen Profils, für alle denkbaren Ansichten öffnet.“ Kurz nach diesem Kommentar muss Kiefer gehen. Er wird nachher langjähriger Korrespondent der NZZ mit Büro in Solothurn. 2010 verunfallt er im Berner Oberland tödlich.

Halten wir also fest: Die Idee, wonach die Medien als unabhängige Beobachter das Geschehen rapportieren, ist relativ jung. Sie hat zwar einen hübschen Gründungsmythos, aber letzten Endes war dieser Wandel mindestens ebenso stark wirtschaftlich motiviert.

Ich selbst bin genau zu dieser Zeit in den Beruf hineingerutscht. Ich meldete mich auf der Redaktion derSolothurner Nachrichten, Hauptgasse 11, Wohnung im 2. Stock. Ich suchte einen Nebenverdienst zum Studium. Einen Tag nach Abgabe der Adresse hatte ich den ersten Auftrag:  EHC Olten gegen den EHC Sierre.  Ich hatte noch nie ein Hockeyspiel gesehen. Vor dem Spiel musste ich im Büro Olten vorsprechen: Dort gab es Papierberge, Whisky und Qualm. Der Journalist, sah aus wie ich mir damals einen Journalisten vorstellte. Er instruierte mich zehn Minuten lang und schickte mich ins Stadion. Der Artikel war eine Katastrophe. Aber für mich hatte das erste Engagement als Journalist etwas Romantisches.

Die Zeitung war damals eine Filiale des „Luzerner Vaterland“. Das „Vaterland“ war das letzte publizistische Bollwerk der CVP. Wir waren eine muntere Truppe, geleitet von ein paar erfahrenen Journalisten und mit vielen Jungen ohne jeden Bezug zur CVP. Unser Chef Hansjörg Schenker bestand darauf, dass die Partei nicht mehr dreinzureden habe. Ich will Sie nicht mit Details aus meinem Lebenslauf langweilen. Ich möchte Ihnen einen Eindruck vermitteln, wie es damals war.

Ich habe nie Journalist gelernt. Ich war es plötzlich. Man bot mir einen Job als sogenannter Stagiaire für 2000 Franken im Monat an. Ich liess das Studium fahren und griff zu. Ein Jahr später kam die Solothurner Zeitung und bot mir einen Job als Redaktor an. Ich kämpfte eine Woche gegen das Gefühl, ein Verräter an an den Solothurner Nachrichten zu sein. Dann sagte ich zu, war Redaktor und hatte den doppelten Lohn.

Bei der SZ hatte der neue Chefredaktor Bruno Frangi die Unabhängigkeit von der FDP vorangetrieben. Vor allem in der Regionalredaktion arbeiteten recht viele junge Leute mit ähnlichem Werdegang wie ich: Mit Sympathien für linke Politiker und linke Themen und auch ziemlich aufmüpfig im eigenen Redaktionsbetrieb. Vor Abstimmungen gab es jeweils eine Parolenfassung. Alle zeichnungsberechtigten Redaktorinnen und Redaktoren stimmten ab über die Abstimmungsempfehlung der Zeitung. Einer der Sieger schrieb den Kommentar. 1988 war die Immobilienspekulation ein heisses Thema: Die linke Stadt-Land-Initiative wollte den Spekulanten an die Gurgel. Unsere Clique war geschlossen für ein Ja, was für eine Mehrheit mit einer Stimme gereicht hätte. Bruno Frangi war ein ausgezeichneter Journalist, aber auch berüchtigt für seine Wutausbrüche. Einer von uns bekam weiche Knie. Am Schluss resultierte Stimmfreigabe. Dem Chef wurden nun die Geister unheimlich, die er gerufen hatte. Als es 1989 um die Armeeabschaffungsinitiative ging, sagte er die Redaktionskonferenz kurzerhand ab. Begründung: Das Bekenntnis zur Armee ist im Redaktionsstatut verankert, darüber wird nicht abgestimmt.

Was damals bei der Solothurner Zeitung passiert war, war auch in anderen Redaktionen passiert. Es war eine ganze Generation von Journalistinnen und Journalisten nachgerutscht, die durch die grossen linken Themen dieser Jahre politisiert worden war. Unter kritischem Journalismus verstanden wir, kritisch zu sein gegen bürgerliche Heiligtümer wie Armee, Atomkraftwerke, Autobahnen. Wir verstanden uns als unabhängig und waren überzeugt, die Anwälte der Öffentlichkeit zu sein, Transparenz zu schaffen.

Wenn es also ein Credo gibt, dem kein Journalist widersprechen kann, dann ist es die Forderung nach Transparenz.

Etwas weniger enthusiastisch ist unsere Branche allerdings, wenn es um Transparenz in eigener Sache geht. Jahrzehntelang hiess es, die Medien seien linkslastig. Jahrzehntelang wurde das abgestritten. Noch lieber wurde es ins Lächerliche gezogen.

2011 hat ein Diplomand der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften eine Bachelor-Arbeit zum Thema geschrieben. Noch interessanter als das Resultat ist die Vorgeschichte:

Er schrieb 54 Chefredaktionen in der Deutschschweiz an, ob er ihren Journalisten einen Fragebogen über die politische Haltung schicken darf. 6 Redaktionen sagten ab oder antworteten gar nicht: «20 Minuten», «Blick»-Gruppe und – die 300köpfige Informationsabteilung des damaligen Radio DRS. Immerhin: 48 hatten nichts dagegen. Er konnte 1428 Fragebogen verschicken.

Nun kam die zweite Hürde: Die Frage nach ihrer Haltung war dem grössten Teil der Journalistinnen und Journalisten zu intim. Zurück kamen gerade mal 343 Fragebögen

Das Ergebnis: 30 Prozent für die SP, 14 für die Grünen, 18 für die Grünliberalen, 7 für die CVP, 14 für die FDP und 5 für die SVP. 13 Prozent der Befragten gaben keine Parteipräferenz an, obwohl diese Antwortmöglichkeit gar nicht vorgesehen war.

Dieses Ergebnis entspricht nicht ganz der politischen Wirklichkeit draussen bei der Bevölkerung.

Wenn sie sich auch noch vor Augen halten, wer sich an dieser Umfrage beteiligt hat und wer nicht, kann man sagen: In Tat und Wahrheit ist die politische Schlagseite der Redaktionen noch viel ausgeprägter.

Reden wir also nicht um den Brei herum: Es gibt eine Diskrepanz zwischen der politischen Orientierung in den Redaktionen und den politischen Kräfteverhältnissen in der Bevölkerung.

Die Untersuchung ist fünf Jahre alt. Eine neuere ist mir nicht bekannt. In letzter Zeit hiess es, die Medien seien rechter geworden. Das stimmt wohl. Es gibt vermehrt junge Journalisten, für die Links altmodisch ist. Vor allem aber gibt es neue wirtschaftliche Sachzwänge. Aber darauf kommen wir noch. Trotzdem: Vom Rechtsrutsch in den Medien sind wir noch meilenweit entfernt.

Jetzt wird es Zeit, dass ich auch meine eigene politische Standpunkt offenlege. Wie Sie gehört haben, war ich in jungen Jahren ein linker Journalist. Ich bin klüger geworden. Heute positioniere ich mich rechts der Mitte. Oder exakter: Am rechten Flügel FDP, dort etwa wo die Politiker Filippo Leutenegger oder Christian Wasserfallen stehen. Daneben habe ich mir einen Satz meines verstorbenen Berner Verlegers Charles von Graffenried zur beruflichen Devise gemacht. Von Graffenried pflegte zu sagen: Gute Zeitungen und gute Journalisten, schenken immer den Politikern und Parteien etwas mehr Gehör, die im Widerspruch zur regierenden Mehrheit stehen.

Zurück zur Untersuchung über das Medienpersonal: Genau drei Zeitungen haben über die Ergebnisse der Studie berichtet. Der Rest war Schweigen. Und der Berner «Bund» veröffentlichte einen Kommentar: Die politische Haltung der Journalisten spiele keine Rolle. Als Profis müssten sie sich an die professionellen Standards halten. Wörtlich: Journalismus heisst, allen Akteuren und allen Themen mit skeptischer Distanz zu begegnen. Für kommentierende Beiträge sind die Kommentarspalten und Meinungsseiten reserviert, nicht die Berichte.

Nun werden Sie vielleicht sagen: Richtig! Wenn ein Journalist einen Kommentar für die Unternehmenssteuerreform schreibt, kann ich deswegen immer noch dafür sein. Es gibt genug Beispiele, in denen alle Medien für ein Ja getrommelt haben und das Volk Nein gesagt hat. Und umgekehrt.

Reden wir also über den Berufskodex für Journalisten, die sogenannte Erklärung der Rechte und Pflichten der Journalisten. Darin heisst es:

  • Die Verantwortlichkeit der Journalistinnen und Journalisten gegenüber der Öffentlichkeit hat den Vorrang vor jeder anderen, insbesondere vor ihrer Verantwortlichkeit gegenüber ihren Arbeitgebern und gegenüber staatlichen Organen.
  • Bei einem kontroversen Thema ist die Gegenseite anzuhören. Und vieles mehr.

Der Berufskodex ist eine gute Sache. Er definiert Verhaltensregeln. Und es gibt auch noch Gesetze, die einzuhalten sind. Die Medien können also nicht veröffentlichen, was sie wollen. Ich behaupte: Die meisten Journalisten halten sich an diese Regeln. Wir haben hierzulande ziemlich faire Medien. Wer behauptet, in der Schweiz sei eine gezielte Medienmanipulation am Werk, den halte ich für einen Verschwörungstheoretiker.

Der Kodex verhindert Auswüchse. Aber sorgt er deswegen auch schon für unabhängige und objektive Medien? Für eine pluralistische Medienvielfalt? Oder anders gesagt: Dafür, dass alle wichtigen Themen auf den Tisch kommen?

Dafür können nur die Medien selbst sorgen.

Gehen Sie einmal an eine Redaktionssitzung und machen Sie einen Vorschlag. Zum Beispiel: „Macht doch eine Serie zu den Steuertricks der Firmenbosse“. Oder: „Recherchiert mal, woher die SVP so viel Geld hat“. Sie werden ihre Freude haben. Es gibt innert Kürze eine engagierte Diskussion. Ganz viele Leute am Tisch werden Vorschläge machen und sich um das Thema reissen.

Gehen Sie am nächsten Tag noch einmal an die Redaktionssitzung und schlagen sie vor: „Schreibt mal eine Serie über die Subventionsprofiteure bei den alternativen Energien“. Oder: „Recherchiert mal, wie viele Menschen, die als Flüchtlinge in die Schweiz gekommen sind, inzwischen von der Sozialhilfe leben“. Jetzt werden Sie ganz viele Leute sehen, die angestrengt auf den Tisch starren und hoffen, dieser Kelch gehe an Ihnen vorbei.

Journalisten sind auch nur Menschen. Sie berichten nun mal lieber über Themen, für die sie am anderen Tag von ihrem Freundeskreis gelobt werden. Das liegt nicht daran, dass sie manipulieren wollen. Es ist ihnen einfach zuwider, sich mit Dingen zu befassen, die in ihren Augen gar kein Problem sind.

Jede Gruppe, die sich zu einig ist, entwickelt irgendwann blinde Flecken. Ein solcher blinder Fleck war zum Beispiel jahrelang die Sozialhilfe. Es ist kein Zufall, dass es die Weltwoche war, die ab 2007 Fehlentwicklungen aufdeckte. Heute wird kaum jemand bestreiten, dass das auch bitter nötig gewesen war.

Die Personalpolitik in den meisten Redaktionen funktioniert so, dass der Nachwuchs über persönliche Netzwerke rekrutiert wird. Eine Stelle wird frei. Das Ressort schlägt eine Kollegin vor, die ihm durch «gute Geschichten» aufgefallen ist. Unter «guten Geschichten» ist meist zu verstehen, dass man sich in der Einschätzung und der Gewichtung weitgehend einig ist. Das Resultat sind gleichförmige Teams, die sich dann eben meistens einig sind. Im Zusammenhang mit Fake News wird viel über Filterblasen berichtet. Ich behaupte: Ein grosser Teil der Medienleute lebt selbst in einer Filterblase.

Im Berufsleben bewegen sie sich unter

-Berufskollegen, Politikern, Mediensprechern und hohen Beamten. Das schafft Nähe.

-Allein im Bundeshaus wird diese Nähe von 500 Kommunikationsprofis auch gesucht.

– Im privaten Leben bewegen sich die meisten Journalistinnen und Journalisten in einem ähnlichen Milieu. Zu grossen Teilen in einem städtischen Umfeld, in dem sich auch das Personal von Universitäten, des öffentlichen Dienstes und der Kultur-Szene bewegt.

So weit so gut: Dieses Milieu hat bekanntlich recht wenig Probleme mit der Weltsicht der Medien.

Aber was ist mit den Gewerblern, den Industrieangestellten, Bankmitarbeitern, Chauffeuren, Automobilisten und den Polizisten ?

Die Mehrheit der Journalisten hat kaum einen Bezug zu deren Welt. Das klingt banal. Aber es gibt auch Leute, die mit ihren Regierungen nicht immer einverstanden sind. Leute, die finden, man müsste öfter über die Höhe der Steuern reden. Über die Grenzen der Zuwanderung. Über die Staus auf den Autobahnen. Oder über das Wachstum der Verwaltung.

Das sind nicht gerade die Kernkompetenzen von Rundschau, Echo der Zeit oder Tages Anzeiger.  Mit anderen Worten: Kommentare sind das eine. Das andere ist, welche Themen im medialen Raum überhaupt diskutiert werden und welche nicht. Oder um es noch einmal in den Worten von Baur zu sagen: „Nur Dummköpfe erfinden Fakten, Schlaumeier unterschlagen sie“.

Wir haben im Kanton Solothurn 2014 über die Sanierung der Pensionskasse diskutiert. In den hiesigen Medien wurde vor allem darüber gestritten, wer mehr zahlen muss: Die Gemeinden oder der Kanton. Über eines wurde praktisch nicht gesprochen: Wie gross ist eigentlich der Beitrag der Versicherten selbst, denen die Steuerzahler die Schulden zahlen müssen?

In Bern ist diese Diskussion anders gelaufen. Dort mussten die Staatsangestellten grössere Opfer bringen. Das war auch ein Resultat der vorgängigen Diskussion in den Medien, die genau diese Frage zum Thema gemacht haben.

Kurz: Welche Meinungen in den Medien vertreten werden ist das eine. Weit wesentlicher ist, welche Themen wichtig genommen werden. Und vor allem: Welche nicht.

 

Oder anders gesagt: Es gibt viele gute Journalisten, die gute Arbeit leisten. Aber es gibt zu wenig Pluralität. Zu wenig unterschiedliche Sichtweisen.

Statt dessen gibt es einen Herdentrieb, eine Homogenität des Inhalts, die erstaunt, wenn man sich vor Augen hält, dass keine mächtige Hand von oben die Medien dirigiert. Dass niemand ihnen die Themen diktiert. Es gibt eine Art freiwillige Selbstbeschränkung, obwohl ein ganzes Universum an Themen zur Verfügung stünde.

Woran liegt es? Es gibt seit jeher Leitmedien, denen viele nacheifern, aber das reicht als Erklärung nicht. Es gibt eine Verunsicherung in der Branche, die oft in Hysterie und Nachahmung mündet, aber das reicht als Erklärung noch weniger.

Es geht um Aufmerksamkeitsökonomie. Hat ein Thema erst einmal eine gewisse Flughöhe, garantiert es  Aufmerksamkeit ohne Ende. Ich sage nur: Donald Trump. In den US-Medien hat das Phänomen einen Namen: „Trump Bump. Bei den Onlineportalen gibt es seit Trumps Kapriolen 20 Prozent mehr Klicks.

Deshalb wird jetzt über jeden Rülpser des neuen US-Präsidenten berichtet. Kürzlich setzte sich im Weissen Haus Trumps Mediensprecherin auf das Sofa, ohne die Schuhe auszuziehen. Ein Fall für den Boulevard? Mitnichten: FAZ, Süddeutsche, Tagesanzeiger – alle berichteten über das weltbewegende Ereignis. Wohl kaum, weil es so wichtig war. Kurt W. Zimmermann hat für die hyperaktiven Online-Portale eine schöne Bezeichnung gefunden: Digitale Informations-Schiessbuden.

Ich komme auf die Behauptung zurück, die Medien seien rechter geworden. Das stimmt, was die Themenauswahl betrifft. Schuld sind die Online-Portale. Dank ihnen wird die Quote zum Mass der Dinge. Das hat viele negative Folgen, aber auch eine positive: Die Redaktionen können sich gewissen Themen nicht mehr verschliessen, weil sie sehen, wie gross das Interesse ist. Ohne Online-Portale wäre die europäische Flüchtlingskrise im letzten Jahr ziemlich sicher medial ganz anders abgebildet worden.

Die Zugriffe auf Online lassen sich in Echtzeit messen. In den Redaktionen zeigt ein Bildschirm an, welche Geschichte von wie vielen Leuten gelesen wird. Bei Tamedia heisst dieser Bildschirm „Webseismograph“. Der Webseismograph spuckt Ranglisten aus: Für den Moment, den Tag, den Monat und das Jahr. Tamedia hat eine Internetredaktion, die als interne Nachrichtenagentur die News aufbereitet: Sie heisst NewsExpress. Wenn Sie auf dem Handy eine Newsmeldung bekommen , wenn irgendwo ein Flugzeug entführt wird, dann kommt die Meldung je nachdem von dort. Die Journalisten beim NewsExpress bekommen jetzt Ende Monat einen Bonus, wenn sie mit diesen Meldungen am meisten Klicks generiert haben.

Ich sehe ehrlich gesagt keinen grossen Unterschied mehr zwischen einer Schraubenfabrik und einem Medienunternehmen.

Doch eine Rettung gibt es noch: Unsere SRG. Nur unsere SRG leistet Service Public. Sie bietet Sendungen an, die ein privates Medienhaus aus wirtschaftlichen Gründen nicht produziert.

Das stimmt. Aber bedeutet das auch, dass wir von der SRG einen unabhängigen und objektiven Journalismus vorgesetzt bekommen?

Machen wir uns nichts vor. Objektive Medien sind ein Wunschtraum. Jedes Medium hängt von seiner Geldquelle ab. Bei den einen regiert die Quote, bei den andern ein Mäzen oder eine Stiftung. Und bei den öffentlichen Rundfunkanstalten ist es der Gebührenzahler.

Auch für die SRG gilt: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Die öffentlich-rechtlichen Sender sind darauf angewiesen, eine stabile politische Mehrheit im Rücken zu haben, die ihre Bedingungen für die Konzession definiert. Diese politische Mehrheit ist seit zwei Jahrzehnten eine Mitte-Links-Allianz, was sich auch in den Programmen widerspiegelt. Seit es im Nationalrat bei den letzten Wahlen zu einem Rechtsrutsch gekommen ist, wächst die Nervosität ein bisschen. Aber das wird sich wieder legen.

Vor zwei Jahren haben wir über eine sogenannte Medienabgabe abgestimmt. Das ist ein schöneres Wort für das, was es wirklich ist: Eine Steuer. Wir haben das aus Nettigkeit gemacht, weil die Journalistinnen und Journalisten der SRG nicht als das bezeichnet werden möchten, was sie in Wirklichkeit sind: Staatsangestellte. Wobei ich nicht weiss, warum sie damit ein Problem haben. Ich finde, die Staatsangestellten bei Radio und Fernsehen machen grosso modo einen guten Job.

Aber unter dem Strich resultiert aus quotengetriebenen Privatmedien und mehrheitsabhängigen Staatssendern politisch das selbe: Ein Programm, das sich auf den politischen Mainstream ausrichtet. Etwas überspitzt könnte man formulieren, dass aus den Parteiblättern von einst wieder etwas Ähnliches entstanden ist. Ein grosses Parteimedium sozusagen. Etwas in der Art wie auf politischer Ebene die grosse Koalition in Deutschland.

Ich finde das etwas armselig. Und ich staune, dass das grosse Parteimedium regelmässig in höchste Aufregung gerät, weil es zwei Abtrünnige gibt, die als kleine Parteiblätter den Gottesdienst stören.

Aber lassen wir das. Meine Branche, die Zeitungsbranche, hat es derzeit wirklich nicht leicht.

Seit der Jahrtausendwende brechen die Inserateeinnahmen ein. Es geht nicht um konjunkturelle Schwankungen. Es geht um ein grosses, strukturelles Problem.

Ich war acht Jahre lang Chefredaktor der Berner Zeitung. Ich habe mich in dieser Zeit mehr mit Umstrukturierungen, Zusammenlegungen, Kooperationen und immer neuen Kostensenkungsprogrammen befasst. Publizistische Fragen waren eher ein Nebenjob. Es wurden Synergien zwischen Print und Online gesucht. Gefühlte 20 mal versuchten Rollkofferkommandos von Beratern aus halb Europa die Korrekturabteilung wegzusparen. Es gibt ja heute so gute Korrekturprogramme. Wenn ich richtig gezählt habe, mussten wir mit der Redaktion sieben mal zügeln. Danach erhielten wir Besuch von Beratern, die ausrechneten, wie viele Quadratmeter ein Journalist beansprucht und wie viele Stunden er seinen Arbeitsplatz benützt.

Als ich meinen Job 2006 antrat, war das gesamte Gebäude der Berner Zeitung im Lorraine-Quartier mit Infrastruktur der BZ gefüllt. In den zwei Untergeschossen der technische Betrieb mit Druckmaschine und Druckvorstufe, in den Etagen 3 und 4 die Redaktion. Heute steht das Druckzentrum im Gewerbegebiet beim Eisstadion und druckt BZ, Bund, Freiburger Nachrichten, Bieler Tagblatt, 20 Minuten, Blick am Abend und noch ein paar die ich vergessen habe. Das sind 285 Millionen Zeitungen pro Jahr, mehr als eine Million pro Arbeitstag. Eine Papierschleuder, die pro Arbeitstag 110 Tonnen Papier und fast zwei Tonnen Farbe zu Zeitungen verarbeitet.

Im vierstöckigen Gebäude der BZ sind inzwischen die Redaktionen von BZ, Bund, Sonntagszeitung und Radio Bern 1. Im Parterre sind eine Migrosfiliale und eine Krankenversicherung gemietet. Eigentlich muss man sich nur die Geschichte dieses Hauses ansehen und man weiss, was in den letzten 15 Jahren in der Pressebranche passiert ist.

Ganz ähnlich war die Entwicklung hier in Solothurn bei der Vogt-Schild AG. Die alte Herrlichkeit der Presse, so viel steht fest, ist dahin.

Was ist passiert?  In den guten alten Zeiten verdienten wir unser Geld zu 70 Prozent aus Inseraten. Die Abonnemente machten gerade mal 30 Prozent der Einnahmen aus. Bei der NZZ war das Verhältnis sogar jahrelang 80 zu 20 Prozent. Nur in Klammern bemerkt: In ihrer Blütezeit waren diese  Abozeitungen de facto werbefinanzierte Fast-Gratiszeitungen. Da ist kein grosser Unterschied zu 20 Min. Inzwischen hats sich das Verhältnis ins Gegenteil verkehrt: Mittlerweile stammen rund 60 Prozent der Einkünfte aus den Abos. Die Inserate machen noch 40 Prozent aus. Praktisch alle Verlagshäuser begannen in den Neunzigjahren, eigene Webseiten anzubieten, auf denen je nach Modell ein Teil oder alle Zeitungsinhalte gratis gelesen werden konnten. Die Hoffnung war, die verlorenen Werbegelder wieder hereinzuholen. Es war wohl ein Fehler. Die Erlöse im Netz wachsen zwar, aber viel langsamer als man sich das vorstellte.

Dafür ist das alte Geschäftsmodell definitv tot. Das alte Geschäftsmodell war, ich zitiere einen ehemaligen Chef: „Der Leser will das Filet, aber wir liefern ihm die ganze Kuh“. Die Zeitung war eine Plattform für alle grossen Werbekampagnen und ebenso für die Kleininserate für Autos, Immobilien und Stellen. Das ist vorbei. Für die lukrativen Rubrikinserate gibt es jetzt Portale wie Homegate, Auto Scout und jobs.ch.

Vielleicht haben Sie gehört, dass Tamedia in diesem Jahr erstmals mehr Geld mit digitalen Angeboten verdiente. Das stimmt. Aber schuld daran sind nicht 20 Minuten online oder tagesanzeiger.ch

Das grosse Geld kommt von jobs.ch, Homegate, ricardo, und tutti.ch.

Hier herrscht momentan Goldgräberstimmung. In einem online-Werbemarkt ab, der dank gewaltiger Datenmengen im Hintergrund immer zielgenauer genau jene Leute erreichen kann, die er ansprechen will.

Und jetzt müssen wir noch einmal über den Service Public reden. Zuvorderst in diesem Geschäft mischt neu auch die SRG mit. Zusammen mit der ebenfalls staatlichen Swisscom und dem Ringier-Verlag, der Blick und Schweizer Illustrierte herausgibt. Diese Kooperation unter dem Namen Admeira will zum grossen Player im Werbemarkt werden – mit den SRG-Sendern und der Ringier-Publizistik als Übermittler und der Swisscom als Datenbank. Man kann sich fragen, ob es wirklich eine Aufgabe von Staatsbetrieben ist, in diesem Markt eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Jedenfalls führte die Gründung von Admeira im Verband der Schweizer Medien zu einem Riesenkrach, der damit endete, dass Ringier den Austritt gab. Admeira ist eine typisch eidgenössische Lösung. Hierzulande hat man nicht erst seit der Käseunion eine Vorliebe für gemischtwirtschaftliche Modelle, bei denen am Schluss keiner mehr weiss, wer die Verantwortung trägt. Noch hat Admeira ein paar Gegner bei den Verlagen. Aber vermutlich wird man die Kritiker irgendwann ins Boot holen, indem man sie mitmachen lässt. Denn man muss wissen:  Die privaten Medienhäuser betonen zwar gern, dass sie im Unterschied zur SRG ihr Geld selbst verdienen müssen. Aber gleichzeitig waren sie sich noch nie zu schade, die Hand aufzuhalten, wenn es Manna aus der Staatskasse gab. Wenn sie also in einem baldigen Abstimmungskampf über die No Billag-Initiative die SRG jammern hören, wie dreckig es ihr im harten Medienwettbewerb geht: Haben sie nicht zuviel Mitleid. Die SRG war noch nie so stark und dominant wie heute.

Der kurze Exkurs zu den Medienmanagern war nötig, um aufzuzeigen, dass nicht nur die Journalisten gerade in turbulenten Zeiten des Umbruchs leben. Die Auflösungserscheinungen gehen bis ins wirtschaftliche Fundament. Von Google und Facebook haben wir noch gar noch nicht gesprochen. Aber das wird dann die SRG im Abstimmungskampf zur Genüge tun.

Nun kämen wir also zum fulminanten Schluss mit einer apokalyptischen Prognose für unsere Medienlandschaft. Aber ich frage Sie: Soll uns das alles ängstigen? Bedeutet dieser Umbruch das Ende der Aufklärung? Den Anfang der Manipulation und den Absturz der Wahrheit? Verlieren wir jetzt die Orientierung, die wir nie hatten?

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die bei jeder Veränderung das Schlimmste befürchten. Im Gegenteil: Ich betrachte es als Chance, dass Bewegung in die Gewissheiten kommt. Es wird immer Journalistinnen und Journalisten brauchen. Noch nie waren Informationen auf der ganzen Welt so leicht verfügbar. Noch nie war es so einfach, Informationen in die Welt zu setzen. Und noch nie war es so schwierig, Information zu unterdrücken.

Manipuliert und selektioniert wurde schon immer. Auch in unserem ganz persönlichen Alltag müssen wir herausfinden, wem wir vertrauen und wem nicht. Bei den Medien ist es nicht anders. Wir müssen uns jene aussuchen, die uns interessant und vertrauenswürdig erscheinen. Ich traue dies den Menschen zu, weil ich an die Eigenverantwortung und die Kraft von Argumenten glaube. Und weil ich nicht davon ausgehe, dass alle, die anders denken als ich, Angehörige einer dumpfen, verführbaren Masse sind.

Vielleicht wird es ja nicht schlechter, sondern besser. Von  mir aus kann es auch gern wieder ein paar Medien geben, die ihre Parteilichkeit offen deklarieren. Wir haben ja noch die  SRG. Und die NZZ. Und Google. Mir ist lieber, wenn ich weiss, aus welcher Küche meine Informationen kommen. Ich habe als junger Journalist oft mit dem verstorbenen Solothurner Journalisten Jörg Kiefer gestritten. Ich hätte nie gedacht, dass ich ihm einmal recht geben würde: Aber inzwischen finde auch ich, dass ein Meinungs- und Themencocktail, der allen schmecken soll, eine ziemlich fade Sache ist.

 

Mann der dosierten Provokation

Schon als Gymnasiast stand Christian Wasserfallen mit seinen wirtschaftsfreundlichen Ansichten einsam in der Landschaft. Wie sein Vater Kurt, legendärer Polizeidirektor der Stadt Bern, ist der FDP-Politiker ein «Stachel im Fleisch von Rot-Grün». Nun steht er als ACS-Präsident vor der Feuerprobe.

Wenn ein Politiker offen kommuniziert, bedeutet das noch lange nicht, dass seine Botschaften auch ankommen. Als Christian Wasserfallen nach der Rücktrittsankündigung von FDP-Präsident Philipp Müller auf allen Kanälen als Kronprinz gehandelt wurde, legte er die Karten auf den Tisch: Er müsse sich die Sache gut überlegen, den zeitlichen Aufwand abschätzen, andere Optionen prüfen und werde im Februar bekanntgeben, ob er sich zur Verfügung stelle.

So war es. Wasserfallen erklärte am 7. Februar seinen Verzicht und begründete ihn mit seinem Alter, seiner Lebenssituation und legte – ungewöhnlich genug – offen, dass für ihn auch eine Kandidatur als Berner Regierungsrat in zwei Jahren eine Option ist. Dass der Berner Freisinnige mit 35 Jahren nicht all seine Engagements zugunsten eines Vollzeitjobs als Parteichef aufgeben und mit Mitte vierzig vor der grossen Leere stehen wollte, mag dem Klischee vom karrieregeilen Politiker widersprechen, aber es war die nüchtern abgewogene Begründung eines Mannes, der mit grosser Wahrscheinlichkeit Präsident geworden wäre, wenn er sich denn zur Verfügung gestellt hätte.

Sechs Monate später gilt der schlaksige Maschineningenieur gerade als «Dauerverlierer», «Ämtlisammler» und Karrierist. Bei der Ausmarchung um das Fraktionspräsidium habe er gegen Ignazio Cassis den Kürzeren gezogen. Als es um das Parteipräsidium ging, habe er nach Bekanntgabe der Kandidatur von Petra Gössi das Handtuch geschmissen. Und jetzt – Anlass der düsteren Prophezeiungen ist ein Machtkampf beim Automobil-Club der Schweiz (ACS) – drohe ihm die nächste Pleite.

Putsch der Basis drohte

Dieser Automobil-Club der Schweiz war einmal das noble Pendant zum Touring-Club Schweiz (TCS). Mittlerweile hat er sich konsequent in die politische Bedeutungslosigkeit manövriert und organisiert zur Hauptsache gesellige Anlässe. Im Abstimmungskampf für die Milchkuh-Initiative beschränkte sich das Engagement des ACS im Wesentlichen auf ein Statement seines Präsidenten im Werbematerial. Die Zeiten, in denen wenigstens dies etwas bewirkt hätte, sind allerdings längst vorbei.

Der Unmut schwelte schon lange, aber erst als der selbstherrliche «Zentralvorstand» in Bern realisierte, dass ihm ein Putsch der Basis drohte, wurde er aktiv. Mit einer Verschiebung der entscheidenden Versammlung in letzter Minute versuchte er, sein Schicksal abzuwenden. Jene 13 von 19 Verbandssektionen, die einen Neuanfang wollten, führten die Delegiertenversammlung trotzdem durch und wählten Christian Wasserfallen ohne Gegenstimme als neuen Präsidenten. Nun berief sich die Berner Seilschaft auf formale Fehler, trat unter reger Anteilnahme eine Kampagne gegen Wasserfallen los und weigerte sich, die Zügel abzugeben. Am 16. September findet eine weitere Versammlung statt, an der das alte Führungspersonal bezeichnenderweise mit dem Schaffhauser Nationalrat Thomas Hurter antritt, der in der SVP-Fraktion seit seinem Doppelspiel bei der Bundesratswahl im Abseits steht. Danach dürfte der Spuk beendet sein. Die Berner Zeitung rechnete vergangene Woche trocken vor, dass sich aufgrund der Anzahl Delegierter eine Mehrheit von über 60 Prozent für Wasserfallen aussprechen wird, während auf Hurter weniger als 20 Prozent der Stimmen entfallen. Nur bei 20 Prozent ist demzufolge unklar, welchem Lager sie zuzuordnen sind.

Wasserfallen selbst ist weniger optimistisch. Sogar wenn die Mehrheiten klar seien, drohe dem ACS die Abspaltung jener drei Sektionen, die gemäss ihren Verlautbarungen zu einer Zusammenarbeit mit ihm nicht bereit seien. Zudem werde der Verband durch die Strafanzeigen noch bis weit ins nächste Jahr lahmgelegt. All dies veranlasse ihn zu einer «neuen Lagebeurteilung», bevor er sich endgültig entscheide.

Trotzdem wäre es eine Überraschung, wenn Wasserfallen den eingeschlagenen Weg nicht zu Ende ginge. Wenn er sich in den zwölf Jahren seiner parlamentarischen Tätigkeit ein Markenzeichen erarbeitet hat, dann ist es die sachlich-nüchterne Geradlinigkeit, mit der er politisiert: immer korrekt, immer freundlich im Ton, aber ohne Konzessionen an politische Modeströmungen. Als das Parlament in heller Aufregung über das Reaktorunglück in Fukushima die Energiepolitik umkrempelte, verteidigte er ungerührt die Atomkraft. In der Medienpolitik legt er sich mit der mächtigen SRG an. Die «No Billag»-Initiative ist ihm zu radikal, aber als Vizepräsident der rechtsbürgerlichen Aktion Medienfreiheit und Verwaltungsrat des Privatsenders Radio Bern 1 kämpft er im Nationalrat für eine Beschränkung der staatlichen Sender auf einen enger gefassten Auftrag und ein Mitspracherecht des Parlaments bei der Konzession. Obwohl im links-grünen Berner Länggassquartier zu Hause, hält er auch in der engeren Heimat mit seiner Meinung zum städtischen Heiligtum Reitschule nicht zurück. Am autofreien Sonntag im Quartier besucht er das Bergrennen am Gurnigel und fährt mit offensichtlichem Vergnügen unmittelbar nach Aufhebung der Verkehrssperren mit seinem schnittigen Peugeot RCZ R in der Strasse vor.

Nibelungentreue zu Markwalder

Wasserfallen ist Städter durch und durch. Aufgewachsen in einem «stinknormalen Sechsfamilienhaus» in der Berner Elfenau, ausgebildet an der Manuel-Schule und am Kirchenfeld-Gymnasium, ist er mit den links-grünen Glaubenssätzen des urbanen Establishments seit der Jugendzeit vertraut. Auf Debatten bereitet er sich akribisch vor, stets im Bemühen, die Widersprüche seiner Kontrahenten mit unromantischen Fakten zu kontern. Schon mit Mitte zwanzig kreuzte er auf öffentlichen Podien mit der damaligen SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga die Klingen, die er bis heute respektvoll als härteste Gegnerin bezeichnet. Wasserfallen ist ein Mann der dosierten Provokation, kein Haudegen, der sich mit Leidenschaft ins Getümmel stürzt. Er will im sportlich-fairen Wettkampf als Ritter ohne Fehl und Tadel als Sieger aus der Wortschlacht gehen. Einer seiner liebsten Sätze lautet: «Ich darf behaupten, dass ich am Morgen in den Spiegel schauen kann.»

Zu diesem persönlichen Ehrenkodex passt auch seine Nibelungentreue zu Ratskollegin Christa Markwalder. Obwohl die Nationalratspräsidentin in grösstmöglicher innerparteilicher Distanz am linken Rand des freisinnigen Spektrums politisiert und den EU-Beitritt befürwortet, betont er die «mindestens 90 Prozent Übereinstimmung» mit ihr, hält die Meinungsunterschiede «in der einen oder anderen Frage» für normal und twittert regelmässig Bilder, die die beiden gegensätzlichen FDP-Parlamentarier einträchtig zusammen zeigen. Als Markwalder mit der aufgebauschten «Kasachstan-Affäre» unter Druck gesetzt wurde, verteidigte Wasserfallen sie wie ein Löwe. Umgekehrt kann auch er im aktuellen Gezerre um den ACS auf ihre Loyalität zählen.

Unvorstellbar, dass Wasserfallen öffentlich über persönliche Anfeindungen jammern würde. Aber spurlos gehen sie nicht an ihm vorbei. Bloss reagiert er darauf mit einem Reflex, den die sturmerprobte Familie Wasserfallen seit eh und je praktiziert: Rückzug und Abschottung. Den Wunsch, auch ein Gespräch mit seiner charismatischen Mutter Margret zu führen, schlug Wasserfallen nach interner Rücksprache postwendend aus. Misstrauisch, das familiäre Umfeld könnte in den ACS-Streit hineingezogen werden, liess man die Tür in der Elfenau geschlossen.

Als Mitte der neunziger Jahre die Auseinandersetzung um die Reitschule ihren Höhepunkt erreichte und Wasserfallen ein Teenager war, fand vor genau dieser Tür eine Demonstration gegen seinen Vater Kurt statt. Der freisinnige Berner Polizeidirektor und Nationalrat war damals das reaktionäre Feindbild der Bewegten. Er galt als Hardliner, verbissen und knochenhart. Sein erklärtes Vorbild war der New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani. Er unterband Demonstrationen rigoros, selbst diejenige der Frauen nach der Nichtwahl Christiane Brunners auf dem Bundesplatz. Er wetterte gegen «linke Gutmenschen» und räumte unter Getöse den Vorplatz der Reitschule. Die Empörung schien dem bärbeissigen und schlagfertigen Haudegen wenig anzuhaben, obwohl er auch öffentlich aufs gröbste angegriffen wurde. Er bezeichnete sich selbst nicht ohne Stolz als «Stachel im Fleisch von Rot-Grün». Wie viel Respekt er sich mit seiner scheinbar unerschütterlichen Standhaftigkeit erworben hatte, wurde deutlich, als er 2006 mit nur 59 Jahren überraschend im Amt verstarb. Die Nachrufe überschlugen sich förmlich mit Hymnen auf seine menschlichen Qualitäten und seinen politischen Sportsgeist.

Aufnahmen aus Eritrea

Sport spielt auch im Leben des Christian Wasserfallen eine tragende Rolle. Einmal wöchentlich trainiert er Unihockey. Nach wie vor pilgert er regelmässig ins Stade de Suisse zu YB und in den Eishockeytempel des SC Bern, in dem die atemberaubendste Sport-Show der Stadt geboten wird. Dazugekommen ist das Fotografieren, das Wasserfallen ebenfalls ambitioniert betreibt. Mit seiner Systemkamera schiesst er so gute Bilder, dass der Blick im Frühling seine Aufnahmen aus Eritrea veröffentlichte. Seine Website zeigt auf über 1000 Bildern der Fotogalerie nicht den Politiker Wasserfallen, sondern dessen Impressionen von Reisen aus der ganzen Welt. Und eine Auswahl von 83 Aufnahmen, die er gleich selbst als «starke Bilder» deklariert.

Mit Bildern ist er aufgewachsen. Das erste Pressebild zeigt ihn zusammen mit seinem Vater nach dessen Wahl in die Stadtregierung. Es war in mehrfacher Hinsicht ein denkwürdiger Tag. Auf nationaler Ebene wurde an diesem 6. Dezember 1992 der EWR abgelehnt, auf städtischer kam die nunmehr ein Vierteljahrhundert andauernde links-grüne Mehrheit an die Macht. Die darauffolgenden Jahre in der innerstädtischen Trutzburg haben die Familie zweifellos zusammengeschweisst und geprägt. Schon als Gymnasiast stand Wasserfallen junior mit seinen wirtschaftsfreundlichen Ansichten ziemlich einsam in der Landschaft. Das anschliessende Physikstudium brach er nach zwei Semestern ab, weil es ihm zu theorielastig war. Stattdessen studierte er an der Fachhochschule Burgdorf Maschinenbau. Seine Diplomarbeit schrieb er über das «ultraschallgestützte Schleifen unter Verwendung sehr hoher Drehzahlen». Noch heute redet er sich in Fahrt, wenn er das Verfahren einem Laien erklärt. Bis vor kurzem arbeitete er mit einem Teilzeitpensum von 20 Prozent am Zentrum für angewandte Fertigungstechnik und beriet Firmen der Maschinenindustrie. Nun ist er ganz Berufspolitiker und verdient mit seinen politischen Mandaten exakt 188 700 Franken im Jahr, wie er auf seiner Website öffentlich deklariert. Ebenso gut wie als Politiker könnte man ihn sich aber als Ingenieur in einem KMU vorstellen, das Präzisionsteile herstellt. Als einer der Ersten hatte er in seiner Ausbildung die sogenannte Passerelle vom Gymnasium über ein Industriepraktikum an die Fachhochschule genutzt. Inzwischen präsidiert er den Interessenverband dieser Fachhochschulabsolventen.

Mehr Medienpräsenz als Fraktionschefs

Seine politische Laufbahn verlief bisher konstant. Obschon im November 2000 auf dem siebten Ersatzplatz gelandet, konnte er bereits während der Legislatur in den Berner Stadtrat nachrutschen. Drei Jahre später trat er als Jungfreisinniger bei den Nationalratswahlen an. 2007 war er auch dank cleverer Medienarbeit über die neuen Gratiszeitungen bereits so bekannt, dass er den Sprung ins Parlament schaffte. Weniger glatt lief es bei seinem älteren Bruder Peter. Der Historiker wurde zwar für die SVP in den Berner Stadtrat gewählt, überwarf sich dort aber mit dem Instinkt-Politiker Erich Hess und trat wieder aus. Er hatte offenbar mehr vom aufbrausenden Temperament seines Vaters mit in die Wiege gelegt bekommen und nahm das politische Geschäft zu persönlich. Heute hat er sich aus der Politik zurückgezogen. Sein abgeklärter Bruder betont hingegen, dass der Gegner von heute im schweizerischen Politbetrieb der Verbündete von morgen sein kann. Auch Christian Wasserfallens langjährige Lebenspartnerin Alexandra Thalhammer, Senior Consultant bei der PR-Agentur Burson-Marsteller, ist als FDP-Stadträtin politisch aktiv. Seine Mutter Margret, eine Mittsechzigerin von zupackender Art, die regelmässig an den Spielen des SC Bern anzutreffen ist, liess nach einem kurzen Gastspiel ebenfalls die Finger von der Politik.

Hingegen ist es eher verfrüht, Christian Wasserfallen abzuschreiben. Im letzten halben Jahr verzeichnet die Schweizer Mediendatenbank über 800 Artikel, in denen sein Name erwähnt wird. Damit sorgte er für mehr Gesprächsstoff als die Fraktionschefs der vier Bundesratsparteien. Das besagt zwar inhaltlich wenig, aber wenigstens in den politisch dürftigen Kategorien von «Verlierern» und «Siegern» deutet es nach wie vor eher auf Letztere.

Michael Hug war 2006–2013 Chefredaktor der Berner Zeitung.

Erschienen am 25.8.2016 in der Weltwoche

Im Kreis der Chrampfer

 

Sie arbeiten als Chauffeure, Winzer, Mechaniker, Dachdecker, Käser. Steigen sie in die Zwilchhosen, lehren sie die Gegner das Fürchten. Fünf Wettkämpfer, die obenaus schwingen.

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HARALD CROPT, 33 WINZER UND KELLERMEISTER AUS OLLON VD

Der Cropt Harald sieht nicht aus wie ein typischer Schwinger. Aber er ist einer. Schon sein Urgrossvater, dessen Bild in der Weinstube an der Wand hängt, trat 1900 an einer Schwingsport-Demonstration an der Pariser Weltausstellung auf. Urenkel Harald ist das Idol des Schwingernachwuchses von Aigle. Der Schwerarbeiter wird sich auch in Zukunft für die Talente aus dem Chablais einsetzen, während er selbst mit 33 langsam ans Aufhören denkt.

Schwingen war für den sanftmütigen Hünen aus Ollon nie mehr als ein Hobby. An oberster Stelle steht neben der Familie die Domaine de Trécord, zwei Hektaren Rebstöcke an sonniger Lage über dem Rhonetal. Cropt absolvierte eine Ausbildung als Winzer und Kellermeister und begann vor bald zehn Jahren, vorerst 1500 Liter eigenen Wein zu keltern. Inzwischen sind es 20 000 Liter pro Jahr. Cropt produziert einen Grand Cru aus Chasselas und Rotweine aus Gamayund Pinot-Trauben.

Wenn er ins Sägemehl steigt, ist es ihm wichtiger, unverletzt zu bleiben, als zu gewinnen. Fiele der Winzer aus, hätte seine Domaine ein Problem. Und dann sind da noch seine Frau und die beiden Töchter Louise und Lina, die am Wochenende auch gerne mal etwas anderes unternehmen würden. Deshalb nimmt Cropt heuer nur an wenigen Wettkämpfen teil. Ob es auch für das «Eidgenössische» reicht, war im Juli noch nicht sicher. Aber Harald Cropt hat von seiner haitianischen Mutter nicht nur die dunkle Hautfarbe mitbekommen, sondern auch die Gabe, die Dinge zu nehmen, wie sie sind.

STECKBRIEF

Gewicht 127 kg

Grösse 193 cm

Schuhnummer 46

Anzahl Kränze 19

Hobbys Töfffahren und Skitouren

Menü vor Wettkampf Teigwaren am Vorabend

Glücksbringer Nimmt immer alle Edelweisshemden mit

Angst vor Nichts

Ritual Vor jedem Gang zuerst den linken Knieschoner anziehen

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CHRISTIAN STUCKI, 31 CHAUFFEUR AUS LYSS BE

Der Stucki Christian ist ein Monument. Seine Dimensionen wurden schon vielfach beschrieben, aber keiner sagt es so schön wie Harald Cropt, der immerhin auch 124 Kilogramm auf die Waage bringt: «Mit Chrigu im Ring ist wie Sohn mit Papi.» Das enthält alles: Nicht nur Stuckis imposante Erscheinung, sondern auch seine majestätische Gelassenheit. Eine Mischung aus Souveränität und Tiefenentspannung.

Würde er der neue Schwingerkönig, so wäre das gewissermassen ein natürlicher Vorgang. Aber keiner weiss besser als Stucki, wie viele Details zusammenpassen müssen. «Natürlich hätte ich unheimlich Freude», sagt er und lässt gleichzeitig durchblicken, dass er es verkraften wird, wenn es nicht gelingt. «Es geht ja nicht um eine goldene Kuh. Und sterben muss man sowieso.»

Mit seinem weissen Übergewand wirkt er im Keller der Berner Metzgerei Meinen noch grösser als draussen. Hier unten belädt er den 16-Tönner, mit dem er abgepacktes Fleisch ausliefert. Nach der Rekrutenschule verschlug es den gelernten Forstwart ins Transportgewerbe, weil er diesen 60-Prozent-Job besser mit dem Sport zusammenbringt. Seine Frau Cécile arbeitet ebenfalls 40 Prozent. Aber auch wenn er oft auf die beiden Kinder aufpasst und kocht, hält er den Titel Hausmann für zu hoch gegriffen. Noch heute begleitet ihn der Vater, früher selbst aktiver Schwinger, an jedes Schwingfest. Früher, als der Chrigu noch mehr Flausen im Kopf hatte, waren diese Fahrten mit dem sachverständigen Beifahrer manchmal anstrengend. Aber inzwischen ist auch das: locker.

STECKBRIEF

Gewicht 142 kg

Grösse 198 cm

Schuhnummer 51

Anzahl Kränze 109

Hobbys Fischen, Hornussen

Menü vor Wettkampf Nach Lust und Laune

Glücksbringer Keinen

Angst vor Nichts Abneigung gegen Spinnen und Krabbeltiere

Ritual Immer das Gleiche, aber das ist geheim

 

 

ARNOLD FORRER, 37 KÄSERMEISTER AUS STEIN SG

Der Forrer Arnold gehört mit seinen 37 Jahren im Sägemehl zum alten Eisen, aber nicht zum Alteisen. «Sauber entrostet», sagt auch er, selbst überrascht von seiner triumphalen Rückkehr nach der schweren Schulterverletzung. Drei von vier Sehnen waren gerissen. Dass diese Schulter wieder funktioniert, ist das eine. Dass sie im Mai dieses Jahres beim 137. Kranzgewinn standhielt, das andere. Forrer brach damit den Allzeitrekord des Freiburgers Hans-Peter Pellet. Der Käsermeister würde gerne auch noch einen 150. Kranz holen, aber das hängt von seiner Verfassung ab. «Ich bin im Bonus», sagt er, «ich muss nichts, ich kann.»

Das Wort «Vollgas» fällt zwei Sätze später. Forrer ist ein leutseliger Mensch, der das Herz auf der Zunge trägt. Seine Sprüche haben Unterhaltungswert. Aber auch wenn ihm etwas nicht passt, sagt er es so laut und deutlich, dass sich der Verband schon gewünscht haben dürfte, er möge endlich zurücktreten.

Doch der Toggenburger ist ein zäher Kerl, der verbissen kämpft, bis er am Ziel ist. Das wird auch in der blitzblanken Käserei Rüttiberg deutlich. Seit 2013 fertigt er hier seinen «Königs Chäs», mit dem er in Tirol an einem Wettbewerb eine Goldmedaille holte. Wenn er im Lager 2000 Tilsiter schmiert, hat er nach vier Stunden gegen vierzig Tonnen bewegt. Trotzdem gebe es nach einem harten Wettkampf nichts Besseres als das feuchtwarme Klima bei den Käsekesseln. Das Aufstehen sei zwar fürchterlich, aber bis am Mittag sei er regeneriert wie ein Fussballer im Wellnesstempel.

STECKBRIEF

Gewicht 115 kg

Grösse 194 cm

Schuhnummer 52

Anzahl Kränze 141

Hobbys Pokern, Jassen

Menü vor Wettkampf Spaghetti am Sonntagmorgen

Glücksbringer Keine mehr Früher: Siegerhosen

Angst vor Attentätern

Ritual Immer sofort unter die Leute gehen

 

 

WILLY GRABER, 32 DACHDECKER UND LANDWIRT AUS BOLLIGEN BE

Der Graber Willy ist ein stolzer, wilder Kerl, wie er mitten in Lützelflüh mit geschwellter Brust für den Fotografen auf dem Gerüst posiert, bewundert von den Nachbarsbuben, die schon vor Tagen gemerkt haben, wer da auf der Baustelle vis-à-vis schuftet. Als wären sie für ihn aufgezogen worden, flattern zwei frisch gebügelte Schweizer Fahnen im Wind.

Der Graber ist ein Publikumsliebling, das ist er schon, seit er als Schulabgänger mit nur 172 Zentimetern Körperlänge immer wieder Grössere und Schwerere auf den Rücken gelegt hat. Mit vier Brüdern auf einem abgelegenen Bauernhof unter dem Bantiger aufgewachsen, hat den Kleinklässler die Schule kein bisschen interessiert. Dafür hat er auf Heustöcken und im Wald die Anwendung des Hebelgesetzes gebüffelt, für die er heute im Bodenkampf von seinen Gegnern gefürchtet wird. Inzwischen ist er noch 9 Zentimeter gewachsen, aber für einen Schwinger gilt er immer noch als klein.

Die Fans lieben den unerschrockenen Berner mit dem verwegenen Blick. Seine Auftritte versprechen Spektakel. Jeden Tag trainiert der 32-jährige Bolliger zwei Stunden, obwohl er schon vier Tage in der Woche als gelernter Dachdecker Hand anlegt und als Nebenerwerbsbauer einen Hof bewirtschaftet.

Im Winter ist er mit Frau Christine und den beiden kleinen Töchtern ins über weite Strecken selbst umgebaute Bauernhaus eingezogen. Vor diesem Haus ist ihm als vierjähriger Wildfang der Land Rover des Vaters über den Kopf gerollt. Schädelbruch und bange Momente für die Eltern. Im Rückblick war es die Geburt eines zähen Kämpfers.

STECKBRIEF

Gewicht 97 kg

Grösse 181 cm

Schuhnummer 46,5

Anzahl Kränze 90

Hobbys Früher Velofahren, jetzt Familie

Menü vor Wettkampf Teigwaren, alles andere ist Beilage

Glücksbringer Keinen

Angst vor Nichts

Ritual Zieht sich nach Niederlagen zurück

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JOEL WICKI, 19 BAUMASCHINENMECHANIKER AUS SÖRENBERG LU

Der Wicki Joel steckt in einem riesigen Caterpillar-Radlader, umschlingt mit Armen, so dick wie Oberschenkel, den Motorblock, das linke Bein ist in der Maschine verschwunden, und auf den ersten Blick sieht es aus, als wolle er auch dieses Monstrum mit seinem berüchtigten «Churz» ins Wanken bringen. Der Mann ist noch keine 20, aber mit seinem kantigen Schädel und dem wuchtigen Brustkasten wirkt er in der Halle mit den schweren Baumaschinen, als gehörte er zum Inventar. Dabei hat er erst seine Lehre als Mechaniker abgeschlossen.

Maschinen haben den Entlebucher, der im Südelmoos bei Sörenberg aufgewachsen ist, schon immer magisch angezogen. Sobald irgendwo ein Motor knatterte, war er zur Stelle.

An Energie hatte er nie einen Mangel. An Rückhalt auch nicht: Die Familie ist sein Hafen. «Ihr habe ich alles zu verdanken», sagt Wicki. Als ihn der ältere Bruder mit sechs Jahren zum ersten Mal in den Schwingkeller schleppte, geschah dies im Bestreben, ein Ventil für den kraftstrotzenden Kindergärtler zu finden. Jetzt sieht es nach grosser Karriere aus.

Wicki gewann schon als Junior 89 Nachwuchswettbewerbe, trat in Burgdorf mit 16 als Jüngster beim «Eidgenössischen» an und blieb über 8 Gänge dabei. Jetzt hat der risikofreudige Favoritenschreck Hunger auf mehr. Auch wenn er das wie ein Profi nur vorsichtig durchblicken lässt. Aber so wie der Wicki in der Halle nebenbei ein paar schwere Werkbänke aus dem Weg räumt, wird er früher oder später kaum mehr aufzuhalten sein.

STECKBRIEF

Gewicht 104 kg

Grösse 183 cm

Schuhnummer 46

Anzahl Kränze 19

Hobbys Fischen, Jagen, auf der Alp helfen

Menü vor Wettkampf Entrecôte und Teigwaren

Glücksbringer Die gleichen Kleider zum Schwingen

Angst vor Weiss nicht

Ritual Bei den Kampfrichtern etwas trinken

Erschienen am 11.8. in der Schweizer Familie

Krachen im Gebälk

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Mit Alec von Graffenried haben die Stadtberner ausgerechnet den Spross einer Patrizierfamilie zum Favoriten für das Stadtpräsidium erkoren. Trotz der politischen Distanz zu seinen Ahnen schlägt er weit weniger aus der Familie, als es auf Anhieb scheint.

Noch nie war das rot-grüne Bündnis in der Stadt Bern so stark wie seit dem letzten Wahlsonntag. Und noch nie war es so schwach. Die seit 24 Jahren mit absoluter Mehrheit regierende Linke gewinnt vier von fünf Regierungssitzen. Aber die tonangebende SP erleidet mit ihrer durchorchestrierten Kampagne für die Nachfolge von Stadtpräsident Alexander Tschäppät eine demütigende Niederlage. Ursula Wyss, die SP-Politikerin, die als erste Frau Berner Stadtpräsidentin hätte werden sollen, wird es mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht. Möglicherweise hat sie sich zum Zeitpunkt, in dem dieser Artikel erscheint, bereits selbst aus dem Rennen genommen, um den Schaden zu minimieren. Wahrscheinlich tritt sie aber Mitte Januar noch zum zweiten Wahlgang an. Entschieden hat sie nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe.

Die städtische SP ist den Bernerinnen und Bernern zu machtbewusst geworden. Sinnbildlich für diese Entwicklung steht die makellose, stets kontrollierte Profipolitikerin Wyss. Wohl verfügt sie über einen imposanten Leistungsausweis, eine beträchtliche Hausmacht und einen routinierten Auftritt. Aber eine Politikerin der Herzen war die Frau mit dem gestrengen Charme einer Zahntante nie.

Legendenumwobener Stammvater

So weit, so normal. Jede politische Ära hat ein Verfallsdatum. Was der Wahl eine pikante Note verleiht, ist die Alternative zu Wyss: Mit Alec von Graffenried, 54, haben die Bernerinnen und Berner ausgerechnet den Spross einer alteingesessenen Patrizierfamilie auf den Schild gehoben. Einen Mann, dessen Stammbaum lückenlos bis ins 14. Jahrhundert reicht. Vier Schultheissen schmücken seine Ahnengalerie. Die von Graffenrieds regierten schon an der Aare, als Bern noch der grösste Stadtstaat nördlich der Alpen war und die Herren im Rathaus diktatorisch über Ländereien vom Genfersee bis in den Aargau regierten. Lange ist es her. Im heutigen Bern geht es um Velostrassen, genossenschaftliche Wohnungen und ein Kulturzentrum, dessen Untermieter im periodischen Häuserkampf an der kommunistischen Weltrevolution arbeiten. Im neuen Gemeinderat endet das politische Spektrum am rechten Rand bei CVP-Polizeidirektor Reto Nause. Der voraussichtliche neue Stapi Alec von Graffenried politisiert bei den Grünen. Dass «liberal» für ihn kein Schimpfwort ist, reichte in der Bundesstadt aus, ihn zum Hoffnungsträger der gesamten Wählerschaft rechts der Mitte zu adeln.

Alec von Graffenried gehört zum sogenannten Burgistein-Zweig, von dem es noch rund 120 lebende Familienmitglieder gibt. In der Romandie gibt es noch wenige Nachfahren der Münchenwiler-Linie. Zwei weitere Stämme sind im 19. Jahrhundert ausgestorben. Als Stammvater aller Linien gilt der mit Salzhandel reich gewordene, legendenumwobene Niklaus, der in drei Ehen zwölf Kinder zeugte, mehrmals hohe politische Ämter bekleidete und ihrer dreimal wegen Verfehlungen auch wieder enthoben wurde. Niklaus, auf den die lodernde Flamme im Familienwappen zurückgeht, hatte das für damalige Zeiten biblische Alter von 86 Jahren erreicht, als er 1554 starb. Einer seiner Enkel, Abraham von Graffenried, schaffte 1590 als erstes Familienmitglied den Aufstieg zum Schultheissen. Von nun an gehörten die von Graffenrieds bis zum Ende des Ancien Régime 1798 zum bernischen Patriziat. «Diese verwandtschaftlich eng verflochtene Gruppe von Geschlechtern schloss sich gegen die Konkurrenz neuer aufsteigender Familien mittels Schliessung des Berner Burgerrechts und über geschickte Heiratspolitik immer mehr ab», heisst es in der jüngsten, vom Historiker Hans Braun verfassten Familiengeschichte.

«Regimentsfähige Familien»

Als die Vorherrschaft der Patrizier mit dem Einmarsch von Napoleon 1798 gebrochen und mit der neuen Bundesverfassung von 1848 endgültig beendet wurde, war dies zunächst ein Verlust von Privilegien. Dass es auch ein Gewinn neuer Freiheiten war, wussten erst spätere Generationen zu schätzen. Die politische Macht und die einträglichen Ämter hatten die einstigen «regimentsfähigen Familien» zwar verloren, aber dafür entfiel nun auch der Zwang zur standesgemässen Heirat nach Familienraison. Und die Berufswahl war nicht mehr auf das Regieren oder das Kriegshandwerk beschränkt. Seit 150 Jahren vermischen sich die früher strikt getrennten Welten. Einzelne Nachfahren wie der 2012 verstorbene Vermögensverwalter und Verleger Charles von Graffenried vermehrten ihre Besitztümer bis in die jüngste Zeit, einige verarmten völlig. Andere gehören inzwischen zum ganz normalen Schweizer Mittelstand, bewohnen etwa mit ihrer Patchworkfamilie ein eigenes Loft im Murifeldquartier und verdienen sich als Direktor für Immobilienentwicklungen bei der Losinger Marazzi AG ihr eigenes Geld – wie Alec von Graffenried.

Obwohl nicht mit goldenem Löffel im Mund geboren, spielte der grosse Name in seinem Leben eine wichtigere Rolle, als ihm lieb war. «Gerade weil ich einer von ihnen bin, gab ich mir besondere Mühe, möglichst normal zu sein», sagt von Graffenried. Neben Schule und Studium schob er in der Migros Einkaufswägeli und liess sich auf dem Bau als Handlanger von den Gerüstbauern herumkommandieren. Zu seinem Freundeskreis gehörten Rockmusiker und Künstler, die auf der Bühne den mit ihm nicht direkt verwandten Berner Zeitungskönig Charles von Graffenried angriffen. Alec liess das «von» in seinem Namen weg, um Distanz zur Herkunft zu markieren. Der nähere Kontakt zu seinem Cousin André, einem ehemaligen Botschafter und heute nahen Vertrauten, oder zum Verlegersohn und Fotografen Michael sowie zur Verlegertochter und Schauspielerin Ariane von Graffenried, die ebenfalls in der alternativen städtischen Kulturszene verkehrten, entspannte sein Verhältnis zur Präposition im Familiennamen. Erst als Familienvater mit über dreissig Jahren kehrte Alec von Graffenried gewissermassen in den Schoss der Familie zurück und wurde Mitglied der «Familienkiste». Dieser seit 1720 bestehende Fonds wurde zur Unterstützung notleidender Familienmitglieder gegründet. Aus ihm werden heute auch Ahnenforschung, Ausbildungsbeiträge und Clanzusammenkünfte finanziert.

Jahrelang wischte Alec von Graffenried Fragen zu seiner Abstammung mit dem Hinweis beiseite, durch den frühen Tod seines Vaters, der Arzt war, habe sich auch der Nimbus der Vergangenheit aus seinem Leben verflüchtigt. Seinen Grossvater, den 1976 verstorbenen ehemaligen Burgergemeinde-Präsidenten Albrecht von Graffenried, hatte er als Jugendlicher noch erlebt. Dieser sass in mehreren Verwaltungs- und Stiftungsräten und verfügte über ein beträchtliches Mass an Macht und Einfluss im Hintergrund. Im Gegensatz zu seinem Enkel, der für Europa weibelt, gehörte er dem rechtsbürgerlichen Volksbund für die Unabhängigkeit der Schweiz an und stand in Verbindung zu frontistischen Kreisen.

Trotz der politischen Distanz zu seinen Ahnen schlug Alec von Graffenried – auch zu seinem eigenen Erstaunen – weit weniger aus der Familie, als es auf Anhieb scheint. Wie viele seiner Namensvetter studierte er Recht und wurde bernischer Fürsprecher, bevor er 2000 als Regierungsstatthalter gewählt wurde – eine Funktion, deren Wurzeln auf die einstigen Landvögte zurückgehen. 2007 wechselte er zum Baukonzern Losinger Marazzi, wo er wie seine Vorfahren mit Immobilien geschäftet. Gleichzeitig schaffte er 2007 die Wahl in den Nationalrat. In der Stadt Bern gehört er zur Grünen Freien Liste, einer Gruppierung, die der später gegründeten Grünliberalen Partei inhaltlich nähersteht als der Grünen Partei, unter deren Dach sie auf kantonaler und nationaler Ebene politisiert. Mehr oder weniger offen sympathisierte er einige Zeit mit einem Wechsel, trat dann aber kurz vor den Erneuerungswahlen im Sommer 2015 aus dem Parlament zurück, um sich auf Beruf und Familie zu konzentrieren. «Meine Kinder sollen einen Vater haben, der da ist», erklärte er. Von Graffenried lebt mit seiner zweiten Frau, der Psychologin Cornelia, und den beiden Kindern im Teenageralter zusammen. An den sonntäglichen Familientreffen stossen auch die beiden Kinder aus erster Ehe dazu. Er kocht und kauft meistens ein. Sie erledigt die Wäsche. Nun will er doch wieder in die Politik. Aber diesmal mit einem Vollzeitpensum.

Von Graffenrieds schwache Flanke

Die gelegentlichen Richtungswechsel, die oft lavierenden Stellungsbezüge, sein zuweilen flapsiger Auftritt als Grüner in Krawatte und Anzug: Seine inhaltliche Unfassbarkeit – er nennt es Differenziertheit – ist die schwache Flanke des Politikers Alec von Graffenried. Zumindest als sie noch beide im Nationalrat politisierten, stand er im Parlamentarier-Ranking der NZZ nur unwesentlich weiter rechts als Ursula Wyss. In Widerspruch zu ihrem Image politisiert auch die Sozialdemokratin auf dem rechten Flügel ihrer Partei. Aber in diesem Kampf um das Berner Stadtpräsidium geht es nicht um inhaltliche Differenzen. Es geht um Faktoren wie Vertrauen, Authentizität und Volksverbundenheit. Keiner hat ein feineres Sensorium für diese Stimmungen als der abtretende Instinktpolitiker Alexander Tschäppät. Seit Jahren wird kolportiert, dass auch er nie warm geworden sei mit seiner designierten Nachfolgerin. Am Tag vor dem SP-Debakel an der Urne sorgte Tschäppät mit einem Selfie für einen Schock in seiner Parteizentrale. Unter der Zeile «Alex für Alec von Graffenried» strahlte der amtierende Stapi mit von Graffenrieds Wahlhelferin Rosa Losada in die Kamera. Als er postwendend mit wütenden Reaktionen eingedeckt wurde, sorgte Tschäppät dafür, dass der Facebook-Eintrag rasch wieder gelöscht wurde. Wer ihn indes kennt, kann sich kaum vorstellen, dass der Eintrag ohne seine gütige Mithilfe zustande gekommen war.

Die Episode mag bedeutungslos sein, aber sie ist ein weiteres Indiz dafür, wie morsch die vermeintlich starke Rot-Grün-Mitte-Allianz in Bern in ihrem Inneren ist. Schon vor einem Jahr wurde der faktisch bereits erfolgte Bruch im Hinblick auf die Wahlen noch notdürftig gekittet. Setzt sich von Graffenried nun definitiv durch, dürfte es bei der ersten grossen Belastungsprobe definitiv krachen im Gebälk.

Erschienen am 1.12.2016 in der Weltwoche

Sizilien: Decken, Badelatschen und ein Polizeifoto zur Begrüssung

Kaum haben sie europäischen Boden betreten, werden die Immigranten von der Polizei fotografiert und registriert. Später werden ihnen im Empfangszentrum auch Fingerabdrücke genommen.
Kaum haben sie europäischen Boden betreten, werden die Immigranten von der Polizei fotografiert und registriert. Später werden ihnen im Empfangszentrum auch Fingerabdrücke genommen.

Eingehüllt in rote IKEA-Decken steht eine Einerkolonne von sieben hageren schwarzen Männern auf der Gangway der Phoenix. Noch zehn Schritte trennen sie vom europäischen Boden. Vor zweieinhalb Tagen haben sie frühmorgens an einem verlassenen Küstenabschnitt bei Tripolis mit einem überfüllten Schlauchboot abgelegt. Jetzt sind sie in einer anderen Welt angekommen und werden im Hafen der sizilianischen Stadt Pozzallo von einem Grossaufgebot an Polizisten, Krankenschwestern, Ärzten und Behörden empfangen. Schon beim zweiten Schritt auf dem Festland stecken ihre nackten Füsse in schwarzen Badeschlappen. Eine Rotkreuzhelferin mit Mundschutz hat sie vor ihnen auf den Boden gelegt.
28’000 Immigranten aus Afrika sind von den Rettungsschiffen allein im Oktober in sizilianische Häfen gebracht worden. Gemäss Zahlen des UNHCR haben 2016 bisher mehr als 350 000 Menschen versucht, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Mit 55 Prozent sind die Mehrheit von ihnen Männer, 27 Prozent sind Kinder und 18 Prozent Frauen. Allein in Italien sind in diesem Jahr rund 175 000 Menschen über die zentrale Route angekommen. Und mehr als 4700 sind bei der Überfahrt ums Leben gekommen. Auch die 113 Passagiere der Phoenix haben die gefährlichste Route von Libyen aus gewählt. 17 sind in der Nacht auf Donnerstag rund 12 Meilen vor Tripolis im Mittelmeer ertrunken. Darunter ein dreijähriges Kind. Seine Mutter wird in Pozzallo beim Verlassen des Schiffes von Ärzten gestützt.

Die Menschen kommen barfuss von Bord. Für ihre ersten Schritte aufeuropäischem Boden erhalten sie Badeschlappen.
Die Menschen kommen barfuss von Bord. Für ihre ersten Schritte aufeuropäischem Boden erhalten sie Badeschlappen.
Die Phoenix, das Rettungsschiff der Hilfsorganisation Migration Offshore Aid Station (MOAS) läuft mit 113 Immigranten in den Hafen von Pozzallo ein.
Die Phoenix, das Rettungsschiff der Hilfsorganisation Migration Offshore Aid Station (MOAS) läuft mit 113 Immigranten in den Hafen von Pozzallo ein.

An diesem Freitag Nachmittag bläst ein starker Wind. Trotzdem liegt eine schwüle Hitze über dem Hafen von Pozzallo. Seit bald zwei Stunden wird immer wieder eine kleine Gruppe vom Schiff der Hilfsorganisation Migrant Offshore Aid Station (MOAS) geführt. Mehrheitlich sind es junge Männer. Der Phoenix-Crew ist die Anstrengung ins Gesicht geschrieben. Die Schiffssanitäter sind in weisse Ganzkörperanzüge gehüllt. Auch das Empfangskomitee an Land trägt Mundschutz und Plastikhandschuhe. Zu gross ist die Ansteckungsgefahr. Nicht wenige der Ankömmlinge bringen Tuberkulose oder die Krätze mit. Trotz der vielen Menschen herrscht eine ruhige und ernsthafte Atmosphäre. Die Polizisten und Rotkreuz-Helfer wirken routiniert. Man merkt, dass sie pro Woche zwei bis drei Schiffe in Empfang nehmen.
Routine auch im rund 100 Kilometer entfernten Catania. Dort ist es eine Lenkwaffen-Fregatte der spanischen Marine, die den italienischen Behörden über 700 Menschen und neun Leichen übergibt. Auch hier dauert es Stunden, bis die Immigranten von Bord sind. Und auch hier verlassen ein paar Frauen, einige Kinder und mehrheitlich junge Männer das Schiff. Eingekleidet in braune Overalls der Marine defilieren sie über die Mole von den weissen Zelten des roten Kreuzes, wo sie einen Plastiksack mit Mineralwasser und Klopapier erhalten haben, zu den weissen Zelten der Einwanderungsbehörden. Hier werden sie wie mittlerweile in jedem italienischen Hotspot von Polizisten durchsucht und vom Polizeifotografen erkennungsdienstlich abgelichtet. Dann warten sie stoisch, bis ihnen bedeutet wird, einen der fünf bereitstehenden Cars zu besteigen.

Immigranten verlassen ein Schiff der spanischen Marine in Catania. Die Spanier haben ihnen Overalls gegeben, das Rote Kreuz überreicht ihnen eine Tasche mit dem Notwendigsten wie Wasser und Toilettenpapier. An den Armen tragen sie Bänder für die Registrierung an Land.
Immigranten verlassen ein Schiff der spanischen Marine in Catania. Die Spanier haben ihnen Overalls gegeben, das Rote Kreuz überreicht ihnen eine Tasche mit dem Notwendigsten wie Wasser und Toilettenpapier. An den Armen tragen sie Bänder für die Registrierung an Land.
Die Lenkwaffenfregatte Navarra der spanischen Marine im Hafen von Catania. Das Kriegsschiffhat vor der libyschen Küste über 700 Immigrantn in Seenot aufgenommen und nach Sizilin gebracht.
Die Lenkwaffenfregatte Navarra der spanischen Marine im Hafen von Catania. Das Kriegsschiff hat vor der libyschen Küste über 700 Immigranten in Seenot aufgenommen und nach Sizilien gebracht.

Der fährt sie ins nahe gelegene Empfangszentrum wo ihnen die Fingerabdrücke genommen werden, wo sie duschen und sich etwas ausruhen können. In den Hotspots ist auch die europäische Grenzschutzagentur Frontex präsent. Ihre Mitarbeiter befragen die Ankömmlinge nach Herkunftsland, Reiseroute und –mitteln. Noch in der selben Nacht geht die Reise weiter. Mit den Cars werden sie auf Zentren in ganz Italien verteilt. Die Italiener nennen sie „Immigranti“ was treffender ist als der deutschsprachige Begriff „Flüchtlinge“. Sie kommen in ihrer grossen Mehrheit aus wirtschaftlichen Gründen. Die fünf grössten Gruppen stammten bis Ende Oktober aus Nigeria, Eritrea, Guinea, Gambia und Elfenbeinküste.

Kaum haben sie europäischen Boden betreten, werden die Immigranten von der Polizei durchsucht und fotografiert und registriert. Später werden ihnen im Empfangszentrum auch Fingerabdrücke genommen.
Kaum haben sie europäischen Boden betreten, werden die Immigranten von der Polizei durchsucht, fotografiert und registriert. Später werden ihnen im Empfangszentrum auch Fingerabdrücke genommen.

Um jene, die ein Asylgesuch stellen, kümmert sich die italienische Immigrationsbehörde mit Unterstützung der europäischen EASO. Den andern, die keines stellen, wird ein Zettel in die Hand gedrückt, auf dem steht, dass sie Italien innert fünf Tagen zu verlassen hätten. Das allerdings tut keiner, der tausende von Euro für Schlepper ausgegeben und den Weg übers Mittelmeer geschafft hat. Besonders das Schicksal der Kinder und der Minderjährigen gehe ihm nahe, sagt ein Fischer in Pozzallo, der bei seiner Arbeit auf hoher See schon oft Auswandererbooten begegnet ist. Auf Sizilien selbst sind jedoch kaum Afrikaner anzutreffen. Abgesehen von den regelmässigen TV-Bildern aus ihren Hafenstädten spürt die lokale Bevölkerung wenig von der Krise auf dem Meer. „Die Leute wollen nicht hierbleiben, sie ziehen möglichst rasch Richtung Norden weiter“, erklären die Einheimischen, weshalb die Immigranten kein grosses Thema für sie sind. Auf dem italienischen Festland, wo die Afrikanerinnen und Afrikaner ebenso wie in der Schweiz auf die Regionen verteilt werden, wächst allerdings der Unmut. Auf internationalem Parkett appelliert Italien immer dringlicher an die Solidarität der europäischen Länder, mehr Menschen aufzunehmen. Bislang konnten erst 7000 statt der versprochenen 160’000 nach den ursprünglich geplanten Verteilschlüsseln an andere Staaten übergeben werden. Aus Italien selbst bloss knappe 2000.

Das österreichische Team, das auf der Phoenix die Drohnenflüge durchführt: von links Pilot Stefan Unger, Techniker Fabrice Sydow und Teamchef Nils Krieger.
Das österreichische Team, das auf der Phoenix die Drohnenflüge durchführt: von links Pilot Stefan Unger, Techniker Fabrice Sydow und Teamchef Nils Krieger.

Im Hafen von Pozzallo stehen etwas abseits drei Männer am Ufer und rauchen. Es sind die beiden Österreicher Nils Krieger und Stefan Unger sowie der Franzose Fabrice Sydow. Politik interessiert sie wenig. Sie sind hier, weil sie finden, dass es kein Mensch verdient, im Mittelmeer zu sterben. Sie sind seit zwei Wochen mit der Phoenix-Crew auf hoher See. Im normalen Leben arbeiten sie für die österreichische Firma Schiebel, ein auf militärische und zivile Drohnen spezialisiertes Unternehmen. Ohne sie wären die 113 Menschen, die neben ihnen die Phoenix verlassen nie in Europa angekommen. Sie haben dramatische Tage hinter sich. Jetzt löst sich die Anspannung allmählich. Die Erinnerung an die Geschehnisse ist noch lebendig. Sie liegen erst zwei Tage zurück.
An diesem Mittwoch, 12. Oktober, geht um 20 Uhr der Notruf ein. Die See ist rauh, der Wind bläst mit 30 Knoten stark bis stürmisch und die Nacht ist bereits hereingebrochen. Die Koordinaten des Flüchtlingsbootes sind unbekannt. Sicher ist nur, dass es sich wenige Kilometer von der Phoenix entfernt knapp an der Zwölfmeilenzone vor Tripolis befinden muss. Ein Drohnen-Flug könnte rasch Klarheit bringen. Der Entscheid, ob das Fluggerät bei diesen schlechten Bedingungen gestartet werden soll, ist aber schwierig. MOAS-Missionsleiter Franco Potenza und Nils Krieger, Chef der Schiebel-Delegation, entscheiden sich trotzdem für einen Start. Nach rund 20-minütigem Suchflug entdeckt die Infrarot-Kamera des Camcopters das Schlauchboot mit den 130 Menschen. Ihre Lage ist prekär.

Pilot Stefan Unger, der die Drohne auf der Phoenix fliegt.
Pilot Stefan Unger, der die Drohne auf der Phoenix fliegt.
Missionschef Franco Potenza leitet die Missionen der Migrant Offshore Aid Station (MOAS)
Missionschef Franco Potenza leitet die Missionen der Migrant Offshore Aid Station (MOAS)

Auf der Kommandobrücke übermittelt Potenza den italienischen Behörden die Koordinaten des Schlauchbootes, damit sie das Schiff, das der Stelle am nächsten ist, zur Rettung aufbietet. Dann nimmt er Funkkontakt mit den libyschen Behörden auf, um die Rettung zu autorisieren. Für den ausgebildeten Piloten Stefan Unger kommt jetzt der schwierigste Teil der Mission. Mit Joystick und Display am Bauchladen muss er die Drohne wieder auf der Landeplattform der schlingernden Phoenix absetzen. Eine missglückte Landung könnte das Schiff gefährden. Denn wie jedes andere Flugzeug, so fliegt auch der 150 Kilogramm schwere Camcopter  mit hoch entzündlichem Treibstoff. Ungers erster Versuch misslingt. Als beim zweiten Anflug die Landeharpune zielgenau in die Bodenplatte einschlägt und die Drohne damit sicher vertäut ist, applaudiert die Crew, die bange Momente hinter sich hat. Diese Crew besteht im Unterschied zu anderen Rettungsmissionen aus Profis: Rotkreuz-Sanitäter, ein portugiesischer Hochsee-Rettungsschwimmer, der in seinen Ferien an Missionen teilnimmt, Berufsmatrosen und ein Arzt. Aber auch sie setzen ihr Leben freiwillig aufs Spiel. Bezahlt werden die Einsätze vom amerikanisch-italienischen Unternehmerpaar Regina und Christopher Catrambone, das die Migrant Offshore Aid Station (MOAS) auf Malta vor zwei Jahren ins Leben gerufen hat.
Im Hafen von Pozzallo können die Helfer und Interviewer nur bruchstückhaft rekonstruieren, was sich auf dem Schlauchboot in dieser Nacht ereignet hat: Nach stundenlangem Kampf gegen die hohen Wellen war offenbar der Sprit ausgegangen. Salzwasser war ins Boot geschwappt. Dort vermischte es sich mit ausgelaufenem Benzin. Das ätzende Gemisch frass sich durch die nackten Fusssohlen der Menschen. Einer Frau, die am Boden des Bootes lag, brannte es Löcher in den Bauch. Panisch klammerten sich die Flüchtlinge an ihr Schlauchboot. Viele konnten nicht schwimmen. Als die Retter vor Ort eintrafen, waren bereits mehrere Menschen über Bord gegangen. Es war ein Schiff der Hilfsorganisation Sea-Watch, das die ersten Ertrinkenden aus den stürmischen Fluten zog. Die etwas später eingetroffene Phoenix half ebenfalls mit und suchte noch stundenlang mit Schlauchbooten und Scheinwerfern nach dem dreijährigen Kleinkind. Es blieb verschwunden. Schliesslich übernahm die Phoenix alle Überlebenden, um sie nach Sizilien zu bringen. Die Leichen wurden später der Marine übergeben.

Nachdem sie bereits von der Polizei fotografiert worden sind, warten die Immigranten im Hafen von Catania am Fussdes Ätna auf den Transport in das Empfangszentrum, wo ihnen auch Fingerabdrücke abgenommen werden und sie auf den Weitertransport in Italien warten werden. Die Cars für die Fahrt stehen bereit.
Die Cars für die Weiterfahrt ins nahe gelegene Empfangszentrum und die spätere Weiterfahrt auf das italienische Festland stehen im Hafen von Catania bereit.
Aus Seenot gerettete Immigranten verlassen im Hafen von Catania die Lenkwaffenfregatte Navarra der spanischen Marine. Die meisten Ankömmlinge sind junge Männer, aber es sind auch Familien und kleine Kinder unter ihnen.
Aus Seenot gerettete Immigranten verlassen im Hafen von Catania die Lenkwaffenfregatte Navarra der spanischen Marine. Die meisten Ankömmlinge sind junge Männer, aber es sind auch Familien und kleine Kinder unter ihnen.
Kaum haben sie europäischen Boden betreten, werden die Immigranten von der Polizei fotografiert und registriert. Später werden ihnen im Empfangszentrum auch Fingerabdrücke genommen.
Kaum haben sie europäischen Boden betreten, werden die Immigranten von der Polizei fotografiert und registriert. Später werden ihnen im Empfangszentrum auch Fingerabdrücke genommen.

Es ist schwer zu verstehen, was sich allnächtlich vor den Küsten Libyens abspielt. Die Schlepper wissen, dass ausserhalb der 12-Meilen-Zone die Schiffe von Hilfsorganisationen patrouillieren, und schicken ihre Kundschaft meist vor dem Morgengrauen in billigen Gross-Schlauchbooten auf die offene See. Sie sind so ausgerüstet, dass sie es gerade bis in die internationalen Gewässer schaffen und dort mit einem mitgegebenen Satellitentelefon die gespeicherte Nummer der italienischen Küstenwache anrufen können. Die Menschen sitzen dicht gepfercht und fatalerweise oft auch rittlings auf den Schläuchen. Schwimmwesten gibt es aus Platzgründen keine. Die libysche Küstenwache patrouilliert im Gebiet. Mal hilft sie bei der Rettung, mal greift sie Migrantenboote an. Wahrscheinlich mischt sie im Geschäft mit den Schleppern mit, wie auch von Frontex-Leuten vermutet wird. Sogenannte „Engine Fisher“ kreuzen im Gewässer und spekulieren darauf, der Motoren der verlassenen Boote habhaft zu werden, bevor sie von europäischen Marineschiffen versenkt werden. Diese sind zur Schlepperbekämpfung unterwegs, nehmen aber ebenfalls Migranten an Bord, wenn sie in Seenot sind. Noëmi Landolt, Journalistin der Wochenzeitung (WOZ), die zur selben Zeit mit dem Rettungschiff der Hilfsorganisation Sea-Watch vor der libyschen Küste unterwegs ist, beschreibt in ihrem Blog die Szenerie auf hoher See: „Neben uns dümpeln die kleinen Nussschalen der «engine fishers». Sie tragen grosse Strohhüte, haben gemütlich die Füsse hochgelegt, warten, bis das Flüchtlingsboot evakuiert ist, und nehmen dann (manchmal auch schon vorher) den Motor ab, um ihn in Libyen wieder an die Schlepper zu verkaufen. Die libysche Küstenwache mischelt im gleichen Business mit, schleppt einmal aber auch ein Flüchtlingsboot zum nächsten Rettungsschiff. Es geschieht vieles, wofür wir keine Erklärung haben. (…) Am Himmel kreisen Flugzeuge, es ist Hochbetrieb, Rushhour auf See, und doch scheint kaum jemand für die Seenotrettung unterwegs zu sein. Sind die Boote evakuiert, fahren die Kriegsschiffe ran, um sie in Brand zu setzen. Immer wieder steigen Rauchsäulen in den Himmel.“

Stumme Zeugen der Dramen, die sich auf dem Mittelmeer abgespielt haben. In Pozzallo liegen die als Beweisstücke beschlagnahmten und nummerierten Boote der libyschen Schlepper.
Stumme Zeugen der Dramen, die sich auf dem Mittelmeer abgespielt haben. In Pozzallo liegen die als Beweisstücke beschlagnahmten und nummerierten Boote der libyschen Schlepper.

Es sind diese wenigen Quadratkilometer offenen Wassers, auf denen Europas Hilflosigkeit und Afrikas Untätigkeit im Umgang mit den Migrationsströmen offensichtlich werden. Tausende machen sich südlich der Sahara auf den Weg und investieren das Vermögen ganzer Familien oder Clans, um nach Europa zu gelangen. Von den 800 Menschen, die aus seinem Bezirk in Senegal jedes Jahr losziehen, würden 300 unterwegs stranden, „400 kommen um, 100 schaffen es“, sagte ein Behördenvertreter kürzlich gegenüber dem deutschen Nachrichtenmagazin „Spiegel“. Wenn diese Zahlen auch nur ansatzweise repräsentativ sind, sterben weitaus mehr Auswanderer auf dem Landweg durch Afrika nach Libyen als auf dem Mittelmeer. Mit dem Unterschied, dass davon weder TV-Kameras noch statistische Ämter je Kenntnis nehmen.
Zugleich hat die unkontrollierte Einwanderungswelle von 2015 in Europa ein politisches Wetterleuchten ausgelöst. Die zunächst gefeierte Willkommenskultur ist migrationspolitischem Kater gewichen. Jetzt arbeitet selbst Deutschland darauf hin, die geretteten Flüchtlinge nicht mehr nach Europa zu bringen, sondern wieder zurück nach Nordafrika. In Tunesien wird die Grenzwache von Europäern technisch aufgerüstet und ausgebildet. Bereits ist von Auffanglagern auf tunesischem Boden die Rede, wie die „Zeit“ und die „Welt“ übereinstimmend berichteten. Vieles deutet darauf hin, dass Asyl- und Einreiseanträge in nicht allzu ferner Zukunft zumindest auf der Mittelmeer-Route von Afrika aus gestellt werden müssen. Ein Vorgehen, das Praktiker wie der Schweizer Entwicklungshelfer Toni Stadler mit Verweis auf die USA schon lange befürworten. Auch Frontex-Chef Fabrice Leggeri erklärte im Schweizer Radio: „Wir müssen mehr legale Wege nach Europa schaffen.“ Die USA unterhalten seit der Clinton-Regierung im eigenen Land keinen Flüchtlingsbefragungsapparat mehr und schaffen aus, wer die Grenze irregulär überquert und erwischt wird. Asylgesuche müssen bei amerikanischen Anlaufstellen ausserhalb der Grenzen gestellt werden.

Leichenwagen holen im Hafen von Catania die sterblichen Überreste von 9 ertrunkenen Immigranten ab. Sie wurden von einem Schiff der spanischen Marine zusammen mit über 700 Überlebenden in den Hotspot gebracht.
Leichenwagen holen im Hafen von Catania die sterblichen Überreste von 9 ertrunkenen Immigranten ab. Sie wurden von einem Schiff der spanischen Marine zusammen mit über 700 Überlebenden in den Hotspot gebracht.

Zurzeit aber boomt das Geschäft der Schlepper im Mittelmeer wie nie und Europa ist von einer gemeinsamen Migrationspolitik weit entfernt. Im Meer vor Tripolis spielen sich auch in diesen Tagen noch Dramen ab. In den sizilianischen Häfen werden von einem straff organisierten Apparat täglich neue Einwanderer registriert. Auch die Fahrer der Leichenwagen, die in Catania die Toten beim spanischen Schiff abholen, fahren routiniert mit Ganzkörperanzug und Atemschutzmaske vor.
Text: Andrea Sommer/Michael Hug

Erschienen am 10. Dezembr 2016 in Berner Zeitung, Zürcher Regionalzeitungen, St. Galler Tagblatt und Luzerner Zeitung.

Biotop Altstadt

blog15Sie kommen zuletzt und gehen zuerst: Von Anfang Mai bis Ende Juli düsten die Mauersegler wieder mit bis zu 200 km/h um die Häuser der Solothurner Altstadt. Ausserhalb der Brutzeit sind die Tiere mehrere Monate ununterbrochen in der Luft. Bereits Anfang August sind sie wieder in ihre Winterquartiere abgereist, die sich im südlichen Afrika befinden. Die grösste und am besten zugängliche Mauerseglerkolonie befindet sich in Solothurn im Riedholzturm auf der St. Ursenbastion.

 

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«Rock your Life» hilft den Hartnäckigen

LiLy3klLydia Siuda (l.) und Lirjeta Berisha.

 

Sie liess sich auch von über hundert Absagen nicht zermürben: Lirjeta Berisha tritt diesen Sommer eine Lehrstelle als Dentalassistentin an. Geholfen hat ihr dabei das Angebot einer jungen Berner Organisation.

Bei über hundert Bewerbungen auf eine einzige Lehrstelle fliegt der grösste Teil schon mal bei der ersten Grobsichtung raus. Lirjeta Berisha weiss, wovon sie spricht. Ihre Unterlagen seien zu wenig gut gewesen, deswegen habe es während des ganzen neunten Schuljahres nicht geklappt, sagt die 16-Jährige. Über 80 Bewerbungen hat sie an Arzt- und Zahnarztpraxen geschickt. Das Echo war minimal. Zweimal wurde sie zum Schnuppern eingeladen. Mehr nicht.

Das änderte sich, nachdem sie sich bei der Berner Organisation «Rock your Life» gemeldet hatte. Diese Organisation führt Studierende mit Schülerinnen und Schülern in der Berufswahlphase zusammen. Das Angebot richtet sich an Jugendliche mit erschwerten Startbedingungen. Wenn das Elternhaus mit Sprache und Berufsbildungssystem zu wenig vertraut ist oder keine Unterstützung bietet, leistet das Mentoring wertvolle Dienste. Allerdings ersetzt es nicht das Engagement und den Durchhaltewillen der Jugendlichen, betont Geschäftsführerin Anna Leuenberger: «Wir unterstützen sie, aber abnehmen wollen wir ihnen die Stellensuche nicht.»

Viel Wille und harte Arbeit

An Durchhaltewillen mangelte es Lirjeta Berisha, deren Eltern vor 25 Jahren in die Schweiz gekommen sind, nicht. Obwohl für das Mentoring-Programm von «Rock your Life» eigentlich schon zu «alt» – normalerweise setzt es im achten Schuljahr ein –, meldete sie sich auf Anraten einer Freundin dort. Es war eine glückliche Fügung, dass fast gleichzeitig eine Mentorin mit Verspätung einstieg. Lydia Siuda, 28, Psychologie- und Sportstudentin aus Bern, wollte mit dem ehrenamtlichen Engagement nicht mehr länger warten, nachdem sie eine grössere Arbeit an der Uni abgeschlossen hatte: «Meine Eltern haben auch einen Migrationshintergrund», sagt sie, «ich hatte viel Unterstützung, für die ich dankbar bin und die ich nun ebenfalls leisten möchte.» Die Organisation brachte die beiden zusammen. Die Chemie stimmte. «Wir sind uns ähnlich, haben beide lange Haare und trugen beim ersten Date fast dasselbe», erinnert sich Lydia Siuda an den Tag im Mai 2015.

Was folgte, war harte Arbeit. Studentin und Schülerin trafen sich einmal wöchentlich, telefonierten regelmässig und standen im permanenten Mailaustausch. Sie besuchten einen Workshop, den die Berner Kantonalbank und Hewlett Packard Enterprise jährlich für «Rock your Life» veranstalten. Dort konnte das Bewerbungsgespräch unter realen Bedingungen geübt werden. Zusammen liessen sie sich mehrfach vom Berufsberatungs- und Informationszentrum (BIZ) bei der Gestaltung der Bewerbungsunterlagen beraten.

Den Tipp, bei jedem Bewerbungsschreiben gleich am Anfang eine individuell auf den Stellenanbieter zugeschnittene Textpassage zu verfassen, erhielten sie dort. Sie feilten an den Unterlagen und beobachteten systematisch die Stellenausschreibungen im Internet. Einen Teil der insgesamt 90 Bewerbungen überreichte Lirjeta Berisha persönlich in den Praxen. Zuvor stellten die beiden Frauen eine Route zu den Praxen im Umkreis von einer ÖV-Stunde rund um Bern zusammen, die sie dann gemeinsam abklapperten. Nichts wurde dem Zufall überlassen.

Happy End im Januar

Die Mühe zahlte sich aus. Jetzt konnte Lirjeta Berisha innerhalb weniger Monate in 25 Arzt- und Zahnarztpraxen schnuppern. Trotzdem musste sie noch viele Absagen verdauen. Oft hiess es, sie sei auf dem zweiten Platz gelandet. «Es war wie beim Tennis, wenn der Ball das Netz streift und wieder zurück ins eigene Feld springt», erinnert sich Lydia Siuda, «man könnte verzweifeln.» Aber die 16-jährige Schülerin aus Ostermundigen steckte die Rückschläge ein, ohne die Zuversicht zu verlieren. «Ans Aufgeben habe ich nie gedacht», sagt sie. Im Dezember wurde ihre Zielstrebigkeit belohnt. Beim Schnuppern in der Zahnarztpraxis von Reto Büchli in Uettligen funkte es auf beiden Seiten. Nach bangen Festtagen war Berisha gleich zu Jahresbeginn zu einem eingehenden Bewerbungsgespräch eingeladen. Jetzt hat sie ihren Lehrvertrag ab diesem Sommer.

Das Happy End freut nicht nur die Eltern, sondern auch die freiwilligen Helfer bei «Rock your Life». Die in der Stadt Bern beheimatete Organisation dehnt ihre Aktivitäten auf die ganze Schweiz aus. Zurzeit betreut sie 115 Mentoring-Paare wie Lydia Siuda und Lirjeta Berisha. Nicht jedes Mentoring endet erfolgreich. Aber Geschichten wie jene der beiden Bernerinnen geben der Motivation immer wieder neuen Antrieb. Und sie helfen, neue Mentoren zu finden. Der Job hat ihr zwar kein Geld eingebracht, «aber profitiert habe ich von dieser Erfahrung trotzdem sehr», sagt Lydia Siuda.

Erschienen am 24.2. in der BZ Berner Zeitung

Tschäppäts heiss begehrter Berner Thron

Die Thronfolge von Alexander Tschäppät im rot-grünen Bern dürfte doch noch spannend werden.

Ende Jahr tritt der Mann mit dem Dreitagebart und der modischen Hornbrille von der städtischen Bühne ab. In seinen zwölf Jahren als Stadtpräsident hat sich der begnadete Wahlkämpfer Alexander Tschäppät zum unangefochtenen Platzhirsch aufgeschwungen, obwohl er immer wieder mit unbedachten Auftritten für kleinere Aufregungen gesorgt hatte. Mit 70 Prozent der Stimmen feierte er bei seiner letzten Wiederwahl 2012 einen regelrechten Triumph über die Herausforderer aus dem bürgerlichen Lager.

Nicht zuletzt deshalb gilt die Stadt als uneinnehmbare rot-grüne Hochburg. Längst scheint klar, wer die Thronfolge antritt: Ursula Wyss, ehemalige SP-Fraktionschefin im Bundeshaus und seit 2013 als Tiefbau- und Verkehrsdirektorin vollamtlich in der fünfköpfigen Stadtregierung tätig. Sie wäre die dritte Sozialdemokratin in Folge. Aber auch die erste Frau Stadtpräsidentin.

Doch jetzt rumort es heftig im Rot-Grün-Mitte-Bündnis, kurz RGM genannt, das in der Bundesstadt seit 23 Jahren die absolute Mehrheit stellt. Auch die Grünen wollen eine Stadtpräsidentin und portieren mit Franziska Teuscher ebenfalls eine ehemalige Nationalrätin, die seit 2013 als Bildungs- und Sozialdirektorin in der Stadtregierung sitzt. Und seit Freitag ist klar: Auch der Bernburger Alec von Graffenried, ehemaliger Nationalrat der Grünen Freien Liste, wird antreten. Von Graffenried steht für das M, womit alle drei Partner von RGM Anspruch auf das Stadtpräsidium erheben.

Damit ist das bedrohlichste Szenario für die vermeintlich ungefährdete SP Tatsache geworden. Von Graffenried gilt im Gegensatz zu Wyss und Teuscher als ausgesprochener Realo mit praktischem Bezug zum Wirtschaftsleben. Er arbeitet seit 2007 als Direktor für Immobilienentwicklung bei der Baufirma Losinger Marazzi. Er ist nicht nur für gemässigte Linke, sondern auch für weite Teile des bürgerlichen Lagers wählbar. Und der Wunsch nach einer echten Alternative zu Wyss ist in der Bundesstadt unüberhörbar. Ob von Graffenried das auch wirklich ist, darüber lässt sich streiten. Im letzten Parlamentarier-Rating von 2013, das einen direkten Vergleich erlaubt, war er bei -6,4 Punkten positioniert. Ursula Wyss lag mit -7,0 nur unwesentlich weiter links, während Teuscher mit -9,0 Punkten am äussersten linken Rand des Nationalrats politisierte.

Im bürgerlichen Lager und bei den Wirtschaftsverbänden, die schon seit Monaten offen mit einer Kandidatur von Graffenrieds sympathisieren, gilt der meist in Anzug und Krawatte auftretende Bürgerliche als kleinstmögliches Übel mit reellen Wahlchancen im linken Bern. Subtil treibt die GFL seither die rot-grünen Bündnispartner vor sich her. Beim Grünen Bündnis hat ihre Offerte für einen Zusammenschluss bereits offene Flügelkämpfe provoziert. Vergangene Woche setzte sich dort der linke Flügel um die im letzten Herbst abgewählte Nationalrätin Aline Trede durch. Die Fusionsofferte wurde ebenso wie der Vorschlag für eine gemeinsame Kandidatur abgelehnt. Was von einzelnen Beobachtern schon als Fanal für von Graffenried gedeutet wurde, war für diesen im Gegenteil das Startsignal. Jetzt, wo sich die Linksgrünen mit Franziska Teuscher eine eigene Kandidatur herausnehmen, wird das RGM-Bündnis nur noch schwerlich begründen können, weshalb nicht auch die GFL sollte antreten dürfen. Beide grünen Parteien kommen in der Stadt Bern auf einen Wähleranteil von zehn Prozent. Die SP erreichte 2012 allein 29 Prozent.

„Eine Kandidatur auf der Liste von Rot-Grün-Mitte steht im Vordergrund“, sagt von Graffenried, wohl wissend, dass das Bündnis damit der bisher grössten Belastungsprobe ausgesetzt wird. SP und Grüne betonen unablässig, nun sei es Zeit für eine Frau und RGM solle sich auf eine Doppelkandidatur einigen. Jetzt sind sie es, die das Bündnis sprengen müssen, wenn sie den männlichen Angstgegner loswerden wollen. Gut möglich, dass ein solcher Entscheid zugleich für die längst fällige Flurbereinigung bei den grünen Parteien sorgt. Nur in der Stadt Bern haben GFL und Grüne den auf kantonaler Ebene erfolgten Zusammenschluss noch nicht vollzogen. Zudem gibt es mit der Grünen Alternative noch eine weitere Kleinstpartei. Und vor einigen Jahren haben auch die Grünliberalen, die der GFL inhaltlich am nächsten stünden, eine eigene Stadtsektion gegründet. Die Verhältnisse sind nicht nur für die Wählerschaft kompliziert. Der Entscheid des Grünen Bündnisses, eigenständig und links zu bleiben, war äusserst knapp zustande gekommen. Das riecht nach Spaltung, während bei GFL und GLP eine engere Zusammenarbeit zustandekommen dürfte, falls das Bündnis bricht.

RGM zeigt schon länger Zersetzungserscheinungen. Spätestens seit die GFL im Jahr 2000 den eigenen Gemeinderatssitz an die SP verloren hat, kommt es immer wieder zu kleineren und grösseren Reibereien mit dem Mittepartner. Als die Sozialdemokraten vor vier Jahren mit einem Powerplay den Grünen die begehrte Tiefbau- und Verkehrsdirektion entrissen, kühlte sich auch das Verhältnis zwischen Rot und Grün merklich ab. Dass der politische Wind zunehmend von rechts bläst, erhöht die Nervosität im linken Lager zusätzlich.

Trotzdem ist das bürgerliche Lager weit davon entfernt, die 1992 verlorene Mehrheit in Bern zurück zu erobern. Zwar dürfte die FDP mit ihrem städtischen Finanzdirektor Alexandre Schmidt, ehemaliger Direktor der eidgenössichen Alkoholverwaltung, antreten. Auch die SVP hat mit Tierpark-Direktor Bernd Schildger eben einen bekannten Kopf für den Gemeinderat nominiert. Aber mit Wähleranteilen von 9 Prozent (FDP) und 14 Prozent (SVP) sind die beiden Parteien nicht nur zu schwach, sondern zu allem Überfluss auch noch notorisch zerstritten.

Den ersten sozialdemokratischen Stadtpräsidenten hatte Bern nach einer langen protestantisch-konservativen Ära und drei Freisinnigen schon im unruhigen Landesstreik-Jahr 1918. Bereits zwei Jahre später übernahmen Bürgerliche das Zepter, bis von 1958 bis 1979 wieder zwei SP-Männer regierten. Der zweite war Reynold Tschäppät, der in Bern bis heute als „Vater“ des Daches über dem Eisstadion des SC Bern in dankbarer Erinnerung geblieben ist. Auch sein Sohn hinterlässt mit dem ausladenden Baldachin vor dem Berner Hauptbahnhof ein Denkmal über den Berner Köpfen. Gut möglich, dass man sich in der Bundesstadt auch an den Kampf um seine Nachfolge noch länger erinnern wird .

Erschienen am 25. Januar 2016 in der Basler Zeitung.

Lord Wasserfallen hat einen Schraubstock in der Wohnung

Der Favorit für das FDP-Präsidium steht vor einer schwierigen Weichenstellung

Im Sommer wird er gerade mal 35 Jahre alt, blickt auf 15 Jahre politische Erfahrung zurück und kann sich entscheiden, ob er Präsident der freisinnigen Partei werden will: Der eine oder andere wird Christian Wasserfallen, Nationalrat, Verwaltungsrat und Maschineningenieur, um seine Probleme beneiden.

Die Entscheidung wird ihm trotzdem nicht leichtfallen. Wird er sich ins Zentrum der Macht begeben und als dauerpräsenter, vergleichsweise schlecht bezahlter Berufspolitiker zwischen Bundesräten, Fraktion, Parteiversammlungen und TV-Studios pendeln? Wird er abwarten und seine Chance zu nutzen versuchen, wenn der FDP-Sitz im Berner Regierungsrat frei wird? Welche Optionen hat einer dereinst, wenn er in den besten Jahren von einem politischen Amt zurücktritt und schon alles erreicht hat? In wenigen Tagen wird Christian Wasserfallen bekanntgeben, ob er als Nachfolger von Philippe Müller kandidiert.

Im Gegensatz zum hemdsärmligen Müller wirkt Wasserfallen wie der Absolvent einer britischen Elite-Universität. Stets korrekt gekleidet und von aufrechtem Gang, verliert er nie die Contenance. Unvorstellbar, dass Lord Wasserfallen in seiner freundlichen Reserviertheit je öffentlich ein Kraftausdruck über die Lippen käme.

Blaues Blut fliesst nicht in seinen Adern. Christian Wasserfallen ist in einem „stinknormalen Sechsfamilienhaus“ in der Berner Elfenau aufgewachsen. Dafür gehört die Politik seit seiner Kindheit zum Alltag. Das erste Pressebild zeigt ihn im Alter von elf Jahren an der Hand seines Vaters im Erlacherhof, dem Sitz der Berner Stadtregierung. Es war der Tag, an dem in Bern das rot-grüne Bündnis die Mehrheit gewonnen hatte und Kurt Wasserfallen in den Gemeinderat gewählt worden war. Der freisinnige Polizeidirektor war zeitlebens der Stachel im Fleisch von Rot-Grün. Seine Politik der „eisernen Faust“ gegen Drogen und den schwarzen Block in der Reitschule trug den Protest bis vor die Haustür der Familie. Es kam zu Schmierereien. Einmal fand vor dem Haus eine Demonstration statt. Christian Wasserfallen erlebte früh, wie sich politischer Gegenwind anfühlt.

Der Widerstand hat die Familie zusammengeschweisst. Als Wirtschaftsgymnasiast im altehrwürdigen Kirchenfeld-Schulhaus stand Christian Wasserfallen mit seinen liberalen Ansichten allein auf weiter Flur. In dieser Zeit habe er das nüchterne Debattieren gelernt, sagt er im Rückblick. Damals habe er es sich zur Gewohnheit gemacht, sich sorgfältig auf die Argumente der Gegner vorzubereiten. Wortgefechte sind für ihn das Salz in der politischen Suppe. Die härteste Gegnerin sei bis heute Simonetta Sommaruga gewesen, als sie sich noch als Ständerätin an Podien mit Gegnern stritt.

Weder Aussenseiter noch Rädelsführer, absolvierte Wasserfallen die Gymnasiumszeit nach eigenen Worten „pflichtbewusst“. Aber sein Herzblut floss für den Sport. Zweimal wöchentlich trainierte er mit den Elite-Junioren seiner Unihockey-Mannschaft des UHC Bern Ost. Spielte er am Wochenende nicht selbst, pilgerte er ins Wankdorf oder den Hockey-Tempel des SC Bern. Die Begeisterung für das Eishockey flackert bis heute in seinen Tweets auf. Mit 19 nahm er an einem Fondueessen der Jungfreisinnigen teil. „Es war anders als ich es mir vorgestellt hatte“, erzählt er. Statt um trockene Politik ging es hauptsächlich um gemeinsame Freizeitaktivitäten. Es war ein lustvoller Einstieg.

Weniger Lust bereitete ihm das Physikstudium. Nach zwei theorielastigen Semestern vor Wandtafeln voller Formeln brach Wasserfallen ab, um sich der Praxis zuzuwenden. An der Fachhochschule Burgdorf studierte er Maschinenbau und beschäftigte sich in seiner Diplomarbeit mit dem „ultraschallgestützten Schleifen unter Verwendung sehr hoher Drehzahlen“. Während Ingenieur Wasserfallen das Verfahren auf einem Blatt Papier skizziert und erklärt, entpuppt sich der vermeintliche Berufspolitiker als leidenschaftlicher Techniker. Mittlerweile arbeitet er, wenn auch nur noch mit einem Teilzeitpensum von 20 Prozent, am Zentrum für angewandte Fertigungstechnik und unterstützt Firmen der Maschinenindustrie in technischen Belangen. Zudem sitzt er in den Verwaltungsräten des Privatradios Bern 1 und der Jura-Windkraftwerke. Als einer der ersten hatte er in seiner Ausbildung die sogenannte „Passerelle“ vom Gymnasium über ein Industriepraktikum an die Fachhochschule genutzt. Heute präsidiert er den Interessenverband der Fachhochschulen und ist stolz darauf, dass er massgeblichen Anteil an deren Gleichstellung mit den Universitäten hat – festgehalten in Artikel 3 des Hochschulförderungsgesetzes.

In seine Studienzeit fiel aber auch das bisher einschneidendste Ereignis in Christian Wasserfallens Leben. Noch als amtierender Gemeinderat – zwischenzeitlich von der linken Mehrheit in die Finanzdirektion zwangsversetzt – verstarb Kurt Wasserfallen 2006 in einer Dezembernacht zuhause in der Elfenau. Sein Krebsleiden war bekannt, der Tod kam trotzdem auch für die Familie überraschend. Christian Wasserfallen war in dieser Nacht aufgestanden, weil er den Vater husten hörte. Er starb vor seinen Augen.

Der kampflustige Vater ist dem nicht weniger konfliktscheuen Sohn bis heute ein Vorbild, auch wenn dieser längst aus dem langen Schatten getreten ist. Kurt Wasserfallen galt als Vorgesetzter, der seinen Untergebenen viel Vertrauen schenkt, der aber auch kompromisslos einen Strich zieht, wenn es gebrochen wird. „Das halte ich genau gleich“, sagt Christian Wasserfallen wie aus der Pistole geschossen. Dafür dürfte er im politischen Nahkampf weniger cholerisch sein. Sein Bruder Peter war vor einigen Jahren der SVP beigetreten, für die er sogar in den Berner Stadtrat gewählt worden war. Aber der ältere der beiden Wasserfallen-Söhne überwarf sich bald mit seiner Partei und trat wieder aus. „Er regt sich in der Politik viel zu sehr auf, nimmt die Dinge persönlich“, sagt Christian Wasserfallen. In der direkten Demokratie mit Mehrparteiensystem sei der Gegner von heute vielleicht der Verbündete von morgen. Auch Wasserfallens langjährige Lebenspartnerin Alexandra Thalhammer, Senior Consultant bei der PR-Agentur Burson-Marsteller, ist als Berner FDP-Stadträtin politisch aktiv. Seine charismatische Mutter Margret, die vor acht Jahren vergeblich für den Stadtrat kandidiert hatte, lässt inzwischen die Finger von der Politik. Ebenso wie der Bruder.

Christian Wasserfallens politische Laufbahn dagegen verlief konstant. Obschon im November 2000 auf dem siebten Ersatzplatz gelandet, konnte er bereits während der Legislatur in den Berner Stadtrat nachrutschen. Alle besser Platzierten waren weggezogen oder nicht mehr am Amt interessiert. 2003 trat der Jungfreisinnige erstmals bei den Nationalratswahlen an und distanzierte auf Anhieb Schwergewichte der Mutterpartei. Nun zahlte sich aus, dass die Jungpolitiker als erste die eben aufgekommenen Gratiszeitungen als Plattform entdeckt hatten. Wasserfallen, der ein unverkrampftes Verhältnis zu den Medien pflegt, war 2007 bereits so bekannt, dass er den Sprung in den Nationalrat schaffte. Die Berner FDP leidet allerdings bis heute darunter, dass die Jungpolitiker Markwalder und Wasserfallen mit ihren Senkrechtstarts die Karrieren einer ganzen Generation verdienter Parteigrössen gestoppt haben.

Obwohl er von der gestrengen Fraktionschefin Gabi Huber nicht sonderlich gefördert wurde, ging es mit Wasserfallens politischer Laufbahn auch auf der nationalen Bühne bergauf. Seit 2012 ist er FDP-Vizepräsident und hat diesen Herbst beim unfallbedingten Ausfall von Philipp Müller auch bereits etwas Präsidentenluft geschnuppert. Als es um die Nachfolge von Gabi Huber ging, unterlag er zwar dem Tessiner Ignazio Cassis, aber jetzt steht er als Parteipräsident im Vordergrund. Gut möglich, dass der ehrgeizige Berner diesen Kelch nicht an sich vorbeiziehen lässt. Aber ebenso denkbar ist, dass er, der seinerzeit dem theoretischen Universitätsbetrieb den Rücken gekehrt hat, lieber auf eine Gelegenheit wartet, als Regierungsmann praktische politische Arbeit zu leisten. Schliesslich ist der Schraubstock in seiner Wohnung an der Länggasse bis heute im Einsatz – wenn auch nur noch als Aufbewahrungsort für Einladungskarten.

Erschienen am 1. Februar 2016 in der Basler Zeitung

Eine Lanze für die Willkür

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Vielleicht war es ein Fehler, den Beamtenstatus abzuschaffen. Obwohl der Begriff aus einer anderen Zeit zu stammen scheint, ist es erst 15 Jahre her, dass der Bund das Beamtentum weitgehend abgeschafft hat, nachdem viele Kantone vorausgegangen waren. Die Diskussion drehte sich fast nur noch um den Kündigungsschutz der Staatsbediensteten, der ein Bremsfaktor für Reformen war. Heute sind Staatsangestellte grösstenteils „Sachbearbeiter“ oder Spezialisten wie in der Privatwirtschaft und ihre Privilegien beschränken sich auf allenfalls etwas arbeitnehmerfreundlichere Rahmenbedingungen.

Vom ursprünglichen Beamten, der gewissermassen als verlängerter Arm der Regierung in seinem Tätigkeitsbereich ein kleiner König war, ist kaum mehr etwas übriggeblieben. Zum Glück, werden jene sagen, die schon die Willkür eines kleinen, selbstherrlichen Staatsdieners erlebt haben. Niemand will wehrlos dem Wohlwollen eines Bausekretärs in der Gemeinde oder einer Erwachsenenschutzbehörde ausgeliefert sein. Im Gegenteil: Gerade das letzte Beispiel zeigt, dass die Entwicklung immer noch in die andere Richtung läuft. Sobald eine Amtsstelle Entscheidungsspielraum hat, wird die Forderung laut, ihn mit Regeln zu beschränken.

Es ist immer die selbe Geschichte: Gross ist im Allgemeinen die Klage über die hohen Kosten des Gesundheitswesens, aber nicht kleiner im Einzelfall der Anspruch an die medizinische Rundumversorgung. Gross ist im Allgemeinen die Klage über die Regulierungsdichte, aber wehe, wenn sich einer von den Behörden ungerecht behandelt fühlt. Dabei ist die Schlussfolgerung naheliegend: Wer das immer dichter gewobene Netz der Paragrafen auslichten will, muss wieder mehr behördliche Willkür in Kauf nehmen.

Der Begriff Willkür war nicht von Anfang an negativ besetzt. Ursprünglich bezeichnete er „die Entscheidungsfreiheit – im Gegensatz zur Notwendigkeit, in bestimmter Weise zu verfahren“. Erst im Lauf der Geschichte wurde er zum Synonym für eine Rechtsanwendung ohne sachlichen Grund. Es gäbe durchaus Gründe, den Regler wieder etwas in Richtung von mehr Willkür im ursprünglichen Sinn der Entscheidungsfreiheit zurückzudrehen.

Denkt man die seit Jahrzehnten anhaltende Entwicklung zu flächendeckender Einzelfallregelung konsequent zu Ende, wird eines Tages eine Software Gerichtsurteile fällen und Baubewilligungen ausstellen. Viel unmenschlicher könnte ein Staat nicht mehr werden. Die umfassende Notwendigkeit, in bestimmter Weise zu verfahren, ist auch nicht besser, als die Willkür.

Von solchen Zuständen sind wir weit entfernt. Aber der Perfektionismus hat ein Mass angenommen, bei dem sich die Frage nach Aufwand und Nutzen immer offensichtlicher stellt. Wenn Polizisten den Hauptteil ihrer Arbeitszeit mit Papierkrieg verbringen und ein Normalsterblicher seine Steuererklärung nicht mehr ohne fachliche Unterstützung ausfüllen kann, ist der Zeitpunkt gekommen, die geltende Ordnung zu vereinfachen. Ein Schritt in diese Richtung wäre die Wiedergeburt des Beamten mit hoheitlichen Aufgaben: Auf das öffentliche Wohl verpflichtete Menschen, die im Rahmen einer entrümpelten Gesetzgebung nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden. Für diese verantwortungsvolle Aufgabe sollen sie Privilegien geniessen, aber auch einer verschärften Kontrolle ausgesetzt sein. Zweifellos gäbe es trotzdem wieder mehr Fehlurteile und Behördenwillkür im negativen Sinn. Aber ob das so viel schlimmer wäre als ein Normenperfektionismus, der unendlich viel Zeit, Geld und Beweglichkeit kostet?

Erschienen am 19. Dezember 2015 in der Basler Zeitung